Bei Winterkälte vervielfachen einige Autos ihren Stickoxid-Ausstoß

Abgas-Skandal geht weiter

Perfide Manipulation: Einige Dieselfahrzeuge setzen bei kühlerem Wetter ein Vielfaches der angegebenen Abgase frei – weil die Abgasreinigung schlicht abgeschaltet wird. Als Folge fluten Diesel-PKW im Herbst und Winter die Innenstädte mit Stickoxiden.

Autoabgase

Bei Kälte schaltet bei einigen Dieselfahrzeugen die Abgasreinigung ab. (Foto: Sergiy Serdyuk/Fotolia)

Der Dieselskandal nimmt kein Ende. Wie sich jetzt zeigt, haben nicht nur VW und Co dank Softwaretrick die Abgaswerte ihrer Autos bei gängigen Testverfahren künstlich niedrig gehalten. Autohersteller behelfen sich offenbar auch mit weiteren Kniffen, um die strengen Umweltauflagen zu umgehen. Erst im Oktober 2016 wurde bekannt, dass Audi und andere Hersteller Lenkradbewegungen nutzen, um zu erkennen, ob ein Auto im Abgastest ist oder auf der Straße fährt. Überschreitet die Lenkbewegung einen bestimmten Wert, aktiviert die Motorsteuersoftware eine Abschalteinrichtung – und aus dem Auspuff kommen ungereinigte Abgase.

Bei Kälte wird die Abgasreinigung abgeschaltet

Jetzt enthüllen Messungen im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH): Auch bei niedrigen Temperaturen schalten einige Diesel-Fahrzeuge ihre Abgasreinigung ab. Bei einigen Modellen erfolgt dies bereits unterhalb von +17 Grad Celsius, bei anderen Fahrzeugen unter +10 Grad Celsius. Als Folge werden die Innenstädte im Herbst und Winter vermehrt mit Stickstoffdioxid und anderen Schadstoffen geflutet.

Konkret ergaben die Messungen auf der Straße und in speziellen Kältekammern für drei Modelle Überschreitungen der Stickoxid-Grenzwerte um das bis zu 13-Fache. Negativer Spitzenreiter ist der italienische Fiat 500x mit 1.380 Milligramm NOx pro Kilometer (mg/km), gefolgt vom Renault Captur mit 1.320 mg/km. Als der schmutzigste deutsche Diesel-PKW erweis sich im Test der Mercedes B 180 d. Mit durchschnittlich 1.039 mg/km NOx überschreitet dieses 2016er-Modell den NOx-Grenzwert um das 13-Fache, wie die DUH mitteilt.

"Nicht einmal Euro 1-Niveau"

Damit halten diese Diesel 6-Fahrzeuge der neuesten Generation nicht einmal die Grenzwerte für die älteren Euro 1-Dieselfahrzeuge ein. "Es ist unglaublich, dass Autohersteller ihren Kunden in 2016 noch immer Autos verkaufen, die auf der Straße nicht einmal die Grenzwerte von Euro 1 einhalten", sagt DUH-Verkehrsexperte Axel Friedrich. "Diese Fahrzeuge haben auf unseren Straßen nichts zu suchen."

Die Folgen dieser Manipulationen tragen die Stadtbewohner. Denn sobald es kälter wird als zehn Grad, steigen die Dieselabgase in vielbefahrenen Gegenden rapide an – und dagegen hilft auch die Umweltzone nicht. Um die Schadstoffbelastung zu senken, fordert die DUH Städte und Kommunen auf, bei Temperaturen unter +10 Grad und/oder zu hohen Schadstoffwerten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zu erlassen.

Argument Motorschutz zieht nicht

Brisant auch: Noch im Dezember 2015 hatte die Stuttgarter Daimler AG schriftlich erklärt, keinerlei Abschalteinrichtungen zu verwenden. Bereits im Februar 2016 stellte sich dies jedoch als klare Falschaussage heraus. Eine aufwändigen Kältekammer-Untersuchung eines Mercedes Benz C 220 Blue Tec zeigte klar eine gezielte Abschaltung bei weniger als 5 Grad: Während der Mercedes bei 26 Grad Celsius den Grenzwert mit 71 mg/km NOx einhielt, explodierte die NOx-Emission bei +5 Grad sowie bei -7 Grad Celsius um über 800 Prozent auf 570 beziehungsweise 591 mg/km.

Ebenfalls nicht tragbar ist nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe das Argument des Autokonzerns, die Abschaltung der Abgasreinigung bei Kälte diene dem Motoschutz. Unter den gewählten Prüfbedingungen im jeweils betriebswarmen Zustand mit einer Öltemperatur von mindestens 80 Grad Celsius gebe es keinerlei technologische Begründung für die Aktivierung der Abschalteinrichtung über die Außentemperatursensoren des Fahrzeugs, so die Prüfer.

Klage gegen Bundesbehörden

Die Deutsche Umwelthilfe kritisiert bereits seit längerer Zeit, dass die Aufklärung des Dieselskandals von den Behörden teilweise aktiv behindert wird. Seit einem halben Jahr läuft unter anderem ein von der DUH initiiertes Rechtsverfahren gegen das Bundesverkehrsministerium, durch das die Herausgabe von Messprotokolle inklusive CO2-Werten eingeklagt werden soll, die vom Ministerium und vom Kraftfahrt-Bundesamt veranlasst wurden.

Eine offizielle Bekanntmachung dieser Werte würde es betroffenen Autohaltern erleichtern, ihre Schadenersatz- beziehungsweise Kaufrücktrittsansprüche durchzusetzen. "Bundesverkehrsminister Dobrindt und das Kraftfahrt-Bundesamt konspirieren mit den Autokonzernen und behindern aktiv die Aufklärung des Dieselabgasskandals", sagt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. "Wir übermitteln zukünftig unsere Untersuchungsergebnisse vor allem an die Staatsanwaltschaften."

Quelle: Deutsche Umwelthilfe

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