Überfischung

Der Fürst und der Meeresräuber

Albert II. von Monaco kämpft seit Jahren für den Roten Thun - endlich gibt es Erfolge wie eine im Herbst 2012 veröffentlichte Studie der Internationalen Kommission für den Schutz des Atlantischen Thunfischs (ICCA) zeigt. Ein Portrait des Adeligen von Jan Berndorff

Fotolia_41048653_XS-tuna-250.jpgDas ist er also. Dunkler Anzug, Krawatte, blasses Gesicht, hohe Stirn, schmale Nase, schmale Lippen. Sitzt da mit geradem Oberkörper und gefalteten Händen am Tisch. Irgendwie hätte man sich diese Begegnung aufregender vorgestellt, pompöser, außergewöhnlicher. Schließlich ist dieses Gegenüber, keine zwei Meter entfernt, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt: Albert Alexandre Louis Pierre Rainier Grimaldi, Seine Durchlauchtigste Hoheit, Fürst Albert II. von Monaco.

Keine Gänsehautatmosphäre, keine Aura, die das Segelschiff zum Strahlen bringt, auf dem sich einige Journalisten mit ihm im Hafen von Barcelona treffen. Stattdessen ein entspannter Plausch. Auch seine Leibwächter und Mitarbeiter sind gelassen. Muss wohl am Chef liegen: Albert legt Wert darauf, nicht als Institution oder Halbgott behandelt zu werden: „Ich lebe nicht im Museum, wo es heißt: Anfassen verboten!“, sagt er. „Mich gibt es wirklich.“ Und so verhält er sich auch. Wobei er lässig, aber nie nachlässig wirkt, jederzeit wahrt er die Contenance. Geduldig beantwortet der Fürst die Fragen der Presseleute. Es geht um sein Lieblingsthema, den Naturschutz, und er berichtet von seiner Stiftung, der „Fondation Prince Albert II. de Monaco“, die vor allem Klima- und Artenschutzprojekte fördert.

In Monaco selbst sucht man Thunfisch vergebens

Rechtzeitig vor Beginn der neuen Thunfischjagd-Saison im Mai hat Fürst Albert sein Nachbarland Frankreich zur Räson gerufen. „Die Durchschnittsgröße der im Mittelmeer gefangenen Roten Thunfische hat sich in zehn Jahren halbiert“, warnt der Fürst in der Zeitung Le Parisien, die letzte Chance, dass sich die Bestände erholten, läge darin, sie zwei bis drei Jahre in Ruhe zu lassen. „Man darf nicht untätig bleiben, wenn das System der Fangquoten nicht funktioniert und die illegale Fischerei andauert“, meint Albert. Und so hat er bei der UN ein Handelsverbot für Roten Thun aus Mittelmeer und Ostatlantik beantragt. Ein ausgewachsenes Exemplar des majestätischen Fisches kann viereinhalb Meter lang und über 600 Kilogramm schwer werden. In Monaco selbst sucht man Thunfisch vergebens; Händler, Restaurants, Supermärkte – sie alle müssen bereits seit einem Jahr auf die gefährdete Art verzichten.

Fürst Albert erzählt, dass es sein Vater Rainier war, der früh schon sein Interesse für die Natur geweckt hat: „Als ich sieben Jahre alt war, schenkte er mir ein Poster aus dem National Geographic. Es zeigte, wie der Mensch die Erde verschmutzt, wie wir Meere und Flüsse mit Schadstoffen belasten, wie Flugzeuge die Ozonschicht zerstören. Ich hängte es an die Wand meines Zimmers, wo es viele Jahre blieb. Ein verkleinertes Exemplar nehme ich noch heute auf viele meiner Reisen mit.“ Auch seine tiefe Liebe zu Tieren führt er auf die Kindheit zurück: Im Palast der Grimaldis gab es einen Privatzoo, in dem ihn vor allem der Gorilla Gory faszinierte. „Er war so groß und kraftvoll. Oft schaute er mir in die Augen, und ich fragte mich, was er wohl denken mag.“

Seit er im Jahr 2005, nach dem Tod seines Vaters, die Führung von Monaco übernommen hat, krempelt Fürst Albert das Image des kleinen Landes ordentlich um: „Monaco ist nicht das größte Land der Erde, aber ich bin entschlossen, es in Sachen Umwelt zu einem der progressivsten zu machen“, erklärt er. Die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls war eine seiner ersten Amtshandlungen. Den Palastzoo hat er längst in einen Streichelzoo für Kinder umgewandelt und die wilden Tiere an Organisationen übergeben, die sie nach Möglichkeit auswildern. Er entwarf Pläne zu einer flächendeckenden Infrastruktur für Elektromobile, 2007 übernahm er die Schirmherrschaft beim UN-Jahr des Delfins.

Albert startet also richtig durch. Obwohl ihm das viele nicht zugetraut hatten. Denn der „grüne Prinz“, wie ihn heute viele nennen, galt lange als Partyprinz und Playboy. Affären mit Schauspielerin Brooke Shields, Model Claudia Schiffer und diversen anderen Schönheiten des internationalen Jetsets, aber auch mit weniger prominenten Damen gingen durch die bunten Blätter. Zwei uneheliche Kinder wurden Albert nachgewiesen: eine heute 18-jährige Tochter, die er mit einer Kellnerin in einem Urlaub zeugte, und ein sechsjähriger Sohn aus der Liaison mit einer Flugbegleiterin.

Ururgroßvater Fürst Albert I. war als Polarforscher unterwegs

Lange Zeit schien der Kronprinz gegen die Strenge seines Vaters Rainier und die Fürsorge seiner Mutter Gracia Patricia, die 1982 mit dem Auto tödlich verunglückte, aufzubegehren.„Ich habe mich nie damit abgefunden, dass es für mein Leben Grenzen geben soll, die andere mir setzen. Ich setze mir meine Limits lieber selbst.“ Und so suchte er den Nervenkitzel auch im Sport: Fußball, Handball, Baseball, Fechten, Speerwerfen, Schwimmen, Rudern, Segeln, Marathonlaufen, nicht weniger als 14 Sportarten probierte er aus, in einigen hat er es weit gebracht. Im Judo trägt er den schwarzen Gürtel, im Bobfahren hat er Monaco fünfmal bei den Olympischen Spielen vertreten. „Ich habe im Sport gelernt, Ängste zu überwinden“, sagt der heute 52-Jährige, der als Kind stotterte und auch heute oft nach Worten sucht. „Für meine Rolle als Staatsoberhaupt war das mindestens so wichtig wie mein Studium, politische Konferenzen oder Treffen mit mächtigen Menschen.“ Sportler seien ehrlicher als Politiker, meint Albert, sie schätzen ihn als Kumpel, Extrabehandlungen hat er sich stets verweigert, schlief etwa in den gleichen Olympia-Unterkünften wie jeder andere.

Doch war es Albert immer klar, dass dieses Leben mit der Übernahme der Regierung ein Ende haben würde. Auch darauf war er bestens vorbereitet: Abitur an einem Schweizer Internat, Studium der Politik, Wirtschaft, Musik und Englischen Literatur am renommierten Amherst College in den USA, Offiziersausbildung, Praktika bei verschiedenen Unternehmen. Albert spricht Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und ein bisschen Spanisch. „Als Fürst angeredet zu werden, ist für mich zwar nach wie vor ungewohnt“, erzählte er einige Monate nach der Thronfolge dem US-Talkmaster Larry King, „aber ich habe die Verantwortung akzeptiert.“

So hetzt er heute von einem Termin zum nächsten und versucht dabei stets, auch seine Vision von einer besseren Welt voranzutreiben. 2006 machte er sich mit sechs anderen Expeditionsteilnehmern per Hundeschlitten von der russischen Forschungsstation Barneo auf den Weg, 120 Kilometer gen Norden, und wurde zum einzigen amtierenden Staatsoberhaupt der Welt, das den Nordpol betreten hat. Natürlich wusste er schon vorher über die arktische Eisschmelze Bescheid, „aber ich finde es wichtig, die Dinge selbst erlebt zu haben“, sagt der Fürst. Mit seiner
Aktion lenkte er viel Aufmerksamkeit auf das Problem – und setzte zugleich eine Familientradition fort: „Mein Ururgroßvater Fürst Albert I. war Ozeanograph und Polarforscher. Er hat vier Expeditionen in die Arktis gemacht. Und obwohl es sein heimlicher Traum war, hat er den Pol nie erreicht. Darum habe ich es nicht zuletzt für ihn getan.“

Bild: Fotolia

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