Die Scheu von Vögeln scheint teilweise genetisch bedingt

Mutig veranlagte Schwäne ziehen in die Stadt

Oft lassen sie sich sogar von Hand füttern: Schwan, Taube und Co zeigen in der Stadt bekanntlich kaum Scheu vor dem Menschen. Eine genetische Studie an Trauerschwänen legt nun nahe, dass dies nicht nur an der Gewöhnung liegt: Stadtvögel scheinen im Vergleich zu Landvögeln mutig veranlagt zu sein.

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Trauerschwäne können sehr zutraulich werden (Foto: Steve Oehlenschlager/fotolia.de)

Manche Tierarten haben sich mit dem Menschen arrangiert: Ihr "natürlicher" Lebensraum ist die Stadt beziehungsweise die von Menschen geprägten Gärten und Parks. Zu den prominentesten Beispielen gehören die Schwäne, die viele städtische Gewässer bevölkern und sich gern von Menschen füttern lassen. In Europa ist es meist der Höckerschwan (Cygnus olor) – in Australien übernimmt diese Rolle hingegen sein schwarzer Cousin: der Trauerschwan (Cygnus atratus). Mittlerweile gibt es allerdings auch in Europa wildlebende Populationen dieser eleganten Wasservögel – sowohl im städtischen Umfeld als auch in Naturlandschaften.

Trauerschwäne im Test

Die Trauerschwäne hat sich nun ein australisches Forscherteam als Versuchstier ausgesucht, um der Frage nachzugehen, ob der Grad der Zutraulichkeit auch etwas mit der genetischen Veranlagung der Tiere zu tun hat. Sie untersuchten dazu insgesamt 100 Schwäne, die zu zwei unterschiedlichen Gruppen gehörten: Eine lebte im städtischen Umfeld und hatte demzufolge regelmäßig Kontakt zu Menschen. Die andere Gruppe lebte hingeben in einem naturnahen Gebiet – weitgehend ungestört von menschlicher Aktivität.

Bei beiden Schwan-Gruppen stellten die Forscher zunächst den Grad der Scheu jedes einzelnen Tieres fest und zwar über die Messung der sogenannten Fluchtdistanz. Dabei näherten sich die Forscher dem jeweiligen Schwan und erfassten, ab welcher Entfernung er sich zurückzog. Außerdem entnahmen sie allen gefiederten Probanden Blutproben, um genetische Untersuchungen durchführen zu können. Im Fokus der Forscher standen dabei Erbanlagen, von denen eine Funktion im Rahmen von Scheue-Verhalten bereits bekannt ist.

Fluchtdistanz hat auch genetische Wurzeln

Kaum überraschend zeigten die Fluchtdistanztests deutliche Unterschiede zwischen den Land- und Stadtvögeln. Im Durchschnitt zogen sich die urbanen Schwäne ab einer Annäherung von etwa 13 Metern zurück – die Landschwäne hauten hingeben schon ab etwa 96 Metern ab. Die Ergebnisse der genetischen Testes belegten, dass dieses Verhalten offenbar zumindest teilweise an der Veranlagung der Tiere liegt. Bei den Stadtvögeln stellten die Forscher überdurchschnittlich häufig eine Genvariante fest, die mit mutigem Verhalten assoziiert ist. Bei den Landvögeln spiegelte sich hingegen eher die Scheu im Erbgut wider.

Da es sich bei Schwänen um sehr mobile Vögel handelt, die sich ihren Lebensraum frei aussuchen können, nehmen die Forscher deshalb an: Mutig veranlagte Vögel wählen bevorzugt die Stadt als Heimat und die eher scheu geprägten Schwäne suchen sich eher die menschenleeren Naturgebiete als Lebensraum aus.

"Die wachsende Verstädterung überall auf der Welt wird wohl dazu führen, dass wilde Tiere zunehmend Einzug in die Städte halten", sagt Wouter van Dongen von der Victoria University in Melbourne. "Obwohl wir annehmen, dass der Verlust der Scheu schlicht an ihrer Gewöhnung an uns liegt, belegen unserer Ergebnisse, dass zumindest teilweise eine genetische Veranlagung dahinter stecken könnte. Wenn es sich um Tiere aus Zuchtprogrammen handelt, die man gezielt ansiedeln will, könnte dies wichtige Informationen liefern. So könnten genetische Tests zeigen, welche Tiere eine für das jeweilige Umfeld günstige Veranlagung bezüglich Scheue besitzen", so van Dongen.

Quelle: BioMed Central

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