Klimawandel beeinflusst Körpermerkmale

Schrumpfende Hummel-Zungen

Die Auswirkungen des Klimawandels spiegeln sich in einem seltsam wirkenden Effekt wider, berichten Forscher: Die Zungen von Hummeln in Hochlagen Colorados wurden seit 1966 deutlich kürzer. Es handelt sich offenbar um eine Anpassung an die Veränderungen der Vegetation.

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Mit ihrer Zunge kommen Hummeln an den Nektarvorrat. (Foto: Christine Carson)

Wie wirken sich die Folgen des Klimawandels auf Lebewesen und ihre Beziehungen untereinander aus? Diese Frage steht momentan im Fokus vieler ökologischer Studien. Die Untersuchung der Forscher um Nicole Miller-Struttmann von der University of Missouri in Columbia zeigt nun, dass sogar körperliche Merkmale betroffen sein können, die sich im Rahmen von zwischenartlichen Partnerschaften entwickelt haben. Konkret handelt es sich um die Zungenlänge von Hummeln und die Blütentiefe ihrer Nektarquellen.

Von Saugapparaten und Blüten-Tiefen

Um an den Nektar heranzukommen, besitzen Hummeln eine Zunge, die sie in die Blüten eintauchen können. Manche Pflanzenarten lagern dabei ihren Nektar relativ tief im Kelch, bei anderen müssen Hummel und Co. hingegen weniger tief eintauchen. Bestimmte Hummelarten haben sich deshalb eher auf die flachen und einige auf die tiefen Quellen spezialisiert und entsprechend lange oder kurze Zungen entwickelt. Miller-Struttmann und ihren Kollegen zufolge zeichnete sich in den letzten Jahrzehnten ab, dass die langzüngigen Arten auf dem Rückzug sind.

Um den Ursachen dieses Effekts auf den Grund zugehen, untersuchten sie nun gezielt die entsprechenden Entwicklungen bei Hummeln in Hochlagen der Rocky Mountains. Hier gibt es zwei Hummelarten mit eigentlich ausgesprochen langem Saugapparat, die sich traditionell an den tiefgründigen Vertretern der Gebirgsflora bedienten. Durch Untersuchungen von archivierten Exemplaren aus Sammlungen stellten die Forscher fest: Langzüngige Arten sind offenbar nicht nur auf dem Rückzug, sie verkürzen auch ihre Zungen. Seit 1966 sind die Zungenlängen den Untersuchungen zufolge im Durchschnitt um fast 25 Prozent zurückgegangen.

Woran liegt der Schrumpf-Effekt?

Doch was hat denn diesen seltsamen Zungenschwund verursacht? Den Forschern zufolge kamen dafür mehrere Erklärungsmöglichkeiten in Frage, die sie Schritt für Schritt abhakten. Es zeigte sich, dass weder die Hummeln insgesamt kleiner geworden waren, noch die Blüten ihrer Nahrungspflanzen sich verkürzt hatten. Als Ursache sehen die Forscher den generellen Rückgang der Blütenpracht in den Berglagen in den letzten Jahrzehnten. Durch die Effekte des Klimawandels kommt es hier häufiger zu ungünstigen Bedingungen, was insgesamt zu weniger Futterquellen für Nektarsammler führte.

Wie die Forscher erklären, sind durch verschlechterte Bedingungen meist Spezialisten besonders betroffen. In diesem Fall sind es die langzüngigen Hummelarten. Um ihre Überlebenschancen bei insgesamt schlechterem Nahrungsangebot zu verbessern, haben sie offenbar nun das Spektrum ihrer Nahrungspflanzen um flachgründige Blüten erweitert. Im Zuge dieser Anpassung wurden ihre Zungen kürzer, erklären Miller-Struttmann und ihre Kollegen.

Die Ergebnisse belegen, dass die Effekte des Klimawandels sogar traditionsreiche Beziehungen zwischen Pflanzen und Insekten entkoppeln können. Auch in anderen Systemen könnte Ähnliches der Fall sein, geben die Forscher nun zu bedenken.

Originalarbeit der Forscher: Science, doi: 10.1126/science.aab0868

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