Grünstoff im Mai

Straßenkampf, Straßenkrampf

Radfahrer gehen Autofahrern "tierisch auf den Sack". Aber ist es nicht anders herum genauso? Der Regisseur Fredrik Gertten hat den ewigen Konflikt zwischen zwei und vier Rädern in einer vielschichtigen und gelungenen Dokumentation auf die Leinwand gebracht.

BIKESvsCARS_06_mai_Grünstoff.jpgAls der Bürgermeister Torontos nach viel lautem Getöse schnell Tatsachen schuf, blieb den Fahrradaktivisten nur noch eine letzte aufsehenerregende Form des Protests: Sie legten sich quer auf den Fahrradweg, wie Schlafende auf dem Asphalt, wollten der großen Maschine, die die Spurmarkierung für Radler entfernte, die Stirn bieten. Doch der politische Wille Rob Fords war nicht mehr zu stoppen. Alle Radwege der Stadt, erst zwei Jahre zuvor eingerichtet, wurden im Jahr 2012 gänzlich entfernt. Kostenpunkt: 300 000 US-Dollar. Bereits an seinem ersten Amtstag polterte das neue Stadtoberhaupt ungehobelt los: „Heute endet der Krieg gegen das Auto.
Die Radfahrer gehen den Autofahrern tierisch auf den Sack“ – so die deutsche Übersetzung im Untertitel, der Originalton kommt mit „pain in the ass“ nicht weniger vulgär daher. Es ist eines der vielen Beispiele, die der Schwede Fredrik Gertten in seinem Dokumentarfilm lebendig werden lässt, um das weltweit schwierige Verhältnis zwischen Auto- und Radfahrern umfassend darzustellen.

Starker Wille benötigt

Der Zuschauer spürt sofort, auf welcher Seite Gertten steht: Es sind wagemutige Radler und Fahrradaktivisten wie Aline Cavalcante, eine brasilianische Studentin, die jeden Tag durch die schmalen Lücken zwischen den mehrspurigen Autoschlangen São Paulos schlüpft, die der Dokumentarfilmer gerne zu Wort kommen lässt. Von 14 Protagonisten ergreifen nur fünf für das Auto Partei. Wer in São Paulo radelt, „braucht einen starken Willen“, so Aline. Die Fakten: Sieben Millionen gemeldete Autos, wer damit zur Arbeit fährt, steht täglich drei Stunden im Stau. Jeden Tag riskiert Aline ihr Leben – jede Woche verunglückt in der 20-Millionen-Metropole ein Mensch, der durch die Stadt strampelt, tödlich. Geisterräder, weiß lackiert und mit Blumen geschmückt, die Aline und ihre Mitstreiter am Unglücksort aufstellen, erinnern daran.

Es ist eine Stärke des Films, die ausgemachten Gegner, die Autofreunde also, nicht nur aufs Negative zu reduzieren. Gertten gelingt es gut, sie in ein persönliches Licht zu rücken, was gelegentlich sogar Sympathie erzeugt. Etwa wenn ein Taxifahrer gelassen über seinen Berufsalltag im fahrradfreundlichen Kopenhagen polemisiert: „Wer in diesem Job überleben möchte, muss lernen, sie fahren zu lassen.“ Dieser Versuch einer halbwegs vielschichtigen, differenzierten Darstellung macht den Film so sehenswert – auch für Autofahrer. Sie müssen sich der Tatsache stellen: Die autofreundliche Infrastruktur, die heute weltweit dominiert, ist ein Produkt der Autoindustrie selbst. Musterbeispiel im Film ist die Geschichte des ÖPNV in Los Angeles. Ein Radschnellweg von 1900 wurde stillgelegt, Schienen herausgerissen, Trolley-Busse im Meer versenkt, weil General Motors dort nach und nach den gesamten öffentlichen Nahverkehr kaufte und durch PKW-Freeways ersetzte. Doch immer mehr Raum für Autos sorgt nicht für Lebensqualität, das ist nach 50 Jahren Autoherrschaft in L.A. vielen klar geworden.

dvd-cover_bikes-gegen-cars_klein.jpgFredrik Gertten: Bikes vs Cars, im Original mit Untertiteln. Mindjazz. 91 Minuten, 13,99 €

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