Streit um Pflanzenschutzmittel

Weiterer Einsatz von Glyphosat befürwortet

Glyphosat ist "wahrscheinlich nicht krebserregend", heißt es in der aktuellen Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Die entsprechende Empfehlung wird wohl nun zu einer erneuten Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters führen. Im Lager der Kritiker macht sich Empörung breit.

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Glyphosat macht unerwünschtem Grünzeug den Garaus. (Foto: countrypixel/fotolia.com)

Die Zulassung läuft bald aus – das ist letztlich der Anlass für die aktuelle Zuspitzung des Streits um das Herbizid Glyphosat. Für die weitere Genehmigung durch die Europäische Union war die Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mit einem Gutachten zur Risikobeurteilung des Pflanzenschutzmittels beauftragt. Dabei stützte sich die Institution maßgeblich auf Daten aus Deutschland: auf eine Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das nach Beurteilung der Studienergebnisse zu Glyphosat die Substanz als nicht karzinogen bewertete.

Entsprechend kommt nun auch die EFSA zu einem ähnlichen Fazit: "Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosphat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt", heißt es in der Stellungnahme. Die Substanz wird somit nun mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel bleiben. Dies stößt nun auf erheblichen Protest unter den Gegnern.

Pro und Contra

Das Thema ist keineswegs simpel: Es gibt Argumente für und gegen einen weiteren Einsatz von Glyphosat. Klar ist: Wo Unkraut wuchert, muss der Bauer eingreifen, denn dies kann zu erheblichen Ernteverlusten in der Landwirtschaft führen. Im konventionellen Anbau nutzt man Glyphosat bislang ausgiebig als mächtige Keule gegen das lästige Grün. Es sorgt nach seinem Einsatz für Tabula rasa – es handelt sich um ein Totalherbizid, das jede Pflanze bei Kontakt zum Welken bringt. Danach verliert der Wirkstoff allerdings schnell seinen tödlichen Effekt, so dass die gewünschten Kulturpflanzen auf der bereinigten Fläche angebaut werden können.

Neben diesen Eigenschafen galt Glyphosat nach seinem Aufkommen in den 70er Jahren lange Zeit auch als ausgesprochen umweltverträglich und gesundheitlich unbedenklich. So avancierte der Unkrautkiller zum weltweit am häufigsten eingesetzten Herbizid in der Landwirtschaft. Darüber hinaus machte Glyphosat auch in den Gärten Karriere: Ein paar Spritzer aus einem handlichen Fläschchen und schon beginnt lästiges Grünzeug zu welken.

Glyphosat erhitzt die Gemüter

Doch mittlerweile ist Glyphosat zu einem der umstrittensten Pflanzenschutzmitteln aller Zeiten avanciert: Einige Studienergebnisse legen nahe, dass der Wirkstoff krebserregend sein könnte sowie weitere gesundheitliche Risiken birgt. Dem gegenüber stehen allerdings andere Untersuchungsergebnisse, die dem Wirkstoff eher wenig oder kein Risikopotential zusprechen. Ins Kreuzfeuer der Kritik kam der Wirkstoff vor allem, nachdem die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsbehörde WHO die Substanz als "wahrscheinlich krebserzeugend" für den Menschen eingestuft hat.

Besonders angeheizt hat die Diskussion ebenfalls der Fund von Rückständen der Substanz ausgerechnet in Muttermilch. Wegen der unklaren Risikolage fordern nun viele Verbraucher und einige Institutionen einen Umgang mit der Substanz nach dem Vorsorgeprinzip und fordern ein Verbot. Einer aktuellen TNS Emnid-Umfrage im Auftrag der Bürgerbewegung Campact zufolge sprechen sich 73 Prozent der Deutschen dafür aus.

Doch dieser Wunsch wird nun wohl nicht in Erfüllung gehen. Der Zorn der Gegnerorganisationen richtet sich gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung. Ihnen zufolge hat die Behörde einseitig Studienergebnisse überbewertet, die Glyphosat ein unbedenkliches Zeugnis ausgestellt haben. "Die Argumentation des BfR verstößt eindeutig gegen die gültigen Leitlinien der OECD und die Vorgaben der EU", sagt Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. "Wir sehen hierin den verzweifelten Versuch, eine Klassifizierung von Glyphosat als karzinogen unter allen Umständen und trotz erdrückender Beweislage zu verhindern."

Unsachliche Diskussion?

Ähnlich sieht man die Lage bei Campact: Der Bürgerbewegung zufolge habe man sich in dem Glyphosat-Bewertungsbericht vorwiegend auf nicht veröffentlichte Industriestudien berufen. Zahlreiche unabhängige Studien, die dem Wirkstoff eine krebserregende Wirkung bescheinigen, wurden vom BfR in seinem Bericht nicht berücksichtigt. "Die Ergebnisse sind eine schallende Ohrfeige für das BfR und ein Auftrag an die Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Die Bürger erwarten, dass die Politik sich auf unabhängige Expertise verlässt, und Glyphosat umgehend verbietet", kommentiert Gerald Neubauer von Campact.

Beim Deutschen Bauernverband ist sieht man die Lage hingegen grundsätzlich anders: "Die derzeitige Diskussion über den Wirkstoff ist längst emotionalisiert und fern einer seriösen fachlichen Auseinandersetzung", sagt Wolfgang Vogel. Nach seiner Einschätzung wird nicht mehr über den Wirkstoff selbst diskutiert. Vielmehr werde Glyphosat als Symbol benutzt, um den modernen Pflanzenschutz als Teil des heutigen Ackerbaus grundsätzlich in Frage zu stellen. In diesem Zusammenhang wird nun auch oft die Frage laut, was es denn für Alternativen zu Glyphosat gäbe. Ein Verbot könnte dazu führen, dass andere kritische Substanzen zum Einsatz kommen. Es bleibt das Fazit: Glyphosat wird wohl weiterhin die Gemüter erhitzen.

Quellen: Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, Campact, Deutscher Bauernverband, PAN Germany

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