Anzahl der weltweit neu registrierten gebietsfremden Arten ist höher als jemals zuvor

Bioinvasion nimmt weiter zu

Kein Ende in Sicht: Weltweit nimmt die Zahl der eingeschleppten und eingewanderten Tier- und Pflanzenarten kontinuierlich zu – und hat sich sogar noch beschleunigt. Durch den Klimawandel könnte sich dieser für viele Ökosysteme problematische Trend noch verstärken, warnen Forscher.

Halsbandsittich

Niedlich, aber gehört hier nicht hin: Der Halsbandsittitch wurde aus Afrika und Asien bei uns eingeführt. (Foto: Tim M. Blackburn/ University College London)

Ob Killeralgen in der Ostsee, Pythons in den Everglade-Sümpfen oder die Tigermücke bei uns - sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind Invasoren. Diese Tier- und Pflanzenarten haben erfolgreich neue Gefilde erobert - teilweise tausende von Kilometern von ihrer ursprünglichen Heimat entfernt. Im neuen Territorium haben sie oft keine natürlichen Feinde und breiten sich rasant aus. Kein Wunder, dass solche Bioinvasoren als eine der größten Bedrohungen für die weltweite Artenvielfalt gelten.

Doch wie verbreitet sind Bioinvasoren inzwischen? Und wie stark wächst ihre Zahl an? "Es war bisher unklar, ob die Spitze des Eisbergs schon erreicht ist", sagt Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) in Frankfurt. Deshalb haben er und seine Kollegen nun systematisch untersucht, wie sich die Einführung und Ausbreitung gebietsfremder Arten in den letzten 200 Jahren entwickelt hat – und welche Trends es bei den verschieden Artengruppen gibt. Sie werteten dafür 45.000 Erstfund-Meldungen von über 16.000 Arten aus.

1,5 neue Arten pro Tag

Das Ergebnis: "Die Anzahl gebietsfremder Arten hat in den letzten 200 Jahren bei allen Organismengruppen ununterbrochen zugenommen", berichtet Seebens. "Die Rate der Einführung ist gegenwärtig in vielen Fällen sogar am höchsten." 37 Prozent aller Erstfunde wurden demnach in den letzten Jahrzehnten von 1970 bis 2014 registriert.

Global wurden bis zu 585 neu eingewanderte Arten jährlich entdeckt. Das entspricht weltweit mehr als 1,5 neuen Arten pro Tag. "In vielen Fällen ist aber nicht bekannt, wann genau eine gebietsfremde Art zum ersten Mal aufgetaucht ist", erklärt Koautor Franz Essl von Universität Wien. "Diese Zahl unterschätzt daher die tatsächliche Tragweite der Bioinvasion deutlich."

Erst Pflanzen, dann Insekten und Algen

Welche Arten wann und wie stark in fremde Gebiete eingeschleppt oder eingeführt wurden, ist dabei sehr unterschiedlich. In den meisten Fällen aber ist die Ursache menschliches Handeln. "Wir beobachten, dass die Erstfunde bei Gefäßpflanzen bereits im 19. Jahrhundert zunahmen, was vermutlich auf den damaligen Boom im Gartenbau zurückgeht", berichtet Seebens.

"Organismen wie Insekten, Muscheln oder Algen hingegen wurden vor allem seit 1950 in zunehmendem Maße außerhalb ihrer Heimatregion registriert. Das hängt sehr wahrscheinlich mit der Globalisierung zusammen." Wie die Forscher feststellten, gibt es keine Hinweise auf eine allgemeine Abschwächung des Trends.

"Effektivere Maßnahmen sind nötig"

Durch die anhaltende Globalisierung, aber vor allem durch den Klimawandel könnte die Zahl der gebietsfremden Arten in der näheren Zukunft weiter erhöhen. "Das ist eine Konsequenz des Klimawandels, der es vielen der gebietsfremden Pflanzen in unseren Gärten erlaubt, über den Zaun zu springen und sich in der freien Natur zu etablieren" erklärt Mark van Kleunen von der Universität Konstanz.

Weil die Bioinvasion viele endemische Arten bedroht, zielen Gesetze und Abkommen rund um den Globus darauf ab, die Ausbreitung gebietsfremder Arten einzudämmen. "Unsere Studie zeigt aber, dass diese Anstrengungen nicht weitreichend genug waren, um mit dem Anstieg neuer Arten aufgrund der fortschreitenden Globalisierung Schritt zu halten. Es ist daher dringend notwendig, effektivere Maßnahmen zur Eindämmung auf allen Ebenen zu implementieren", sagt Essl.

Quelle: Universität Konstanz, Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms14435

4 Leserkommentare zu diesem Artikel:
von Maik David Schimjon / 16. Februar 2017 / 21.46 Uhr

Umdenken wäre wichtig

Gravatar ThumbnailDer Planet Erde kennt solche Umwälzungen in der Natur seit seiner Entstehung. Arten kamen, suchten nach neuen Lebensräumen und passten sich an. Andere starben dadurch aus. Persönlich meine ich, dass nicht darüber nachgedacht werden sollte wie man Herr der Lage wird, vielmehr sollten wir lernen auf die richtige Weise damit umzugehen. Letztlich sind wir ein Teil des Problems und wir sind in der Vergangenheit aus ähnlichen Motiven in die Welt hinausgezogen. Parallelen sind also durchaus vorhanden, wenn man richtig darüber nachdenkt.

von Schöpges.g / 17. Februar 2017 / 10.46 Uhr

Auswirkungen der Invasionen

Gravatar ThumbnailWerter Herr Schimjon Ich bin mit Ihrer Auffassung nicht ganz einverstanden. Unter den invasiven Arten sind einige, die großen Schaden anrichten. Ich denke unter Anderem an den Riesenbärenklau (Herakleum sphondylium), der durch seine Giftigkeit bekannt ist (einer unter vielen). Wenn keine Maßnahmen getroffen werden, breiten diese Arten sich so schnell aus, dass sie auch durch die alleinige Anwesenheit und durch die starke Verbreitung eine Bedrohung für den Menschen darstellen. Die Ausbreitung der invasiven Arten trägt auch zum Artenschwund bei, da sie einheimische Arten durch die aggressivere Vermehrung und schnelle Verbreitung der Invasoren bei völliger Abwesenheit von natürlichen Regulatoren (Fressfeinde und Krankheitserreger) den einheimischen Arten haushoch überlegen sind. Diese Feststellungen habe ich aus eigenen Beobachtungen gemacht. Ich kann die Aussagen des Artikels nur bestätigen.

von Ulrich Meßner / 17. Februar 2017 / 11.03 Uhr

Verräterische Sprache - oder nur unbedacht?

Gravatar ThumbnailDie Wortwahl entspringt der Kriegsrhetorik und ist fremdenfeindlich! Pflanzen und Tiere sind keine Invasoren oder Killer und bedrohen niemanden. Über einzelne Arten zu urteilen, dass sie "nicht hierher gehören", ist mindestens unsachgemäß. Dass Naturliebhaber nun Geschöpfe dieser Erde auch noch in heimisch und fremd und damit per se in gut und böse unterscheiden, ist befremdlich! Leider ist in den letzten Jahren ein Mainstream in dieser Betrachtung entstanden, der aber nichts mit Wissenschaft zu tun hat, sondern mit Bewertungsmustern, die wir gerade aktuell auch unter uns Menschen diskutieren. Die verwendete Sprache als Ausdruck unserer Denkmuster ist erschreckend verräterisch. Natürlich verändert sich die Welt und je schneller wir als Menschen an dem Rad drehen, um so schneller erfolgen diese Veränderungen. Schuld daran sind aber nicht die betroffenen Tier- und Pflanzenarten! Von einem "Magazin für Natur, Umwelt und besseres Leben" erwarte ich eine sehr viel weisere und differenziertere Recherche und Darstellung!

von arnold haslinger / 06. April 2017 / 13.11 Uhr

speikobra in europa

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Informationen zum Artikel

Nadja Podbregar
Datum: 16.02.2017
Kategorie: Natur
Kommentare: 4

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