Die Schmuckschildkröten bekommen Zuwachs

Cousine der berühmt-berüchtigten Rotwangenschildkröte entdeckt

Sie ist ebenfalls farbenfroh, aber im Gegensatz zu ihrer invasiven Verwandten stark bedroht: Biologen haben in Kolumbien eine neue Art aus der Familie der Schmuckschildkröten entdeckt. Offenbar könnte ihr die Fastenzeit zum Verhängnis werden: Vor Ostern landen die Tiere häufig in Kochtöpfen.

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Gelbe und roten Streifen sowie eine oft intensiv orange-rote Panzerunterseite zeichnen die neue Art aus. (Foto: Carlos del Valle)

Trachemys medemi – diesen wissenschaftlichen Namen bekam das nun neu entdeckte Panzertierchen zu Ehren von Federico Medem, einem verstorbenen deutschstämmigen kolumbianischen Wissenschaftler. Bereits in den 1950er Jahren hatte er auf die Besonderheiten der Schmuckschildkröten in dem kolumbianischen Fluss Río Atrato hingewiesen. Posthum haben ihm nun die Forscher um Uwe Fritz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden Recht gegeben: Sie konnten zeigen, dass es im Río Atrato tatsächlich noch eine bisher unbekannte Vertreterin der Schmuckschildkröten gibt.

Erstaunlich weit entfernte Verwandte

"Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern von der Universidad Nacional de Colombia und der Universidad de Antioquia, Kolumbien, haben wir Schmuckschildkröten aus diesem Land genetisch und morphologisch untersucht und festgestellt, dass die Tiere in dem Fluss nahe der Grenze zu Panama genetisch völlig isoliert sind. Sie sind nicht mit den benachbarten Schmuckschildkröten-Arten verwandt, sondern mit Schmuckschildkröten aus Brasilien, die durch den Amazonas getrennt in mindestens 3700 Kilometern Entfernung leben", sagt Fritz.

Wie er und seine Kollegen berichten, erreicht die neue Vertreterin der Schmuckschildkröten etwa 22 Zentimeter Panzerlänge und ist ausgesprochen farbenprächtig: Gelbe und roten Streifen sowie eine oft intensiv orange-rote Panzerunterseite zeichnen Trachemys medemi aus. Sie reiht sich nun in die Familie der Schmuckschildkröten-Arten ein, die besonders durch eine Vertreterin bekannt geworden ist: die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta).

Diese aus Nordamerika stammende Art hat eine problematische Karriere als Heimtier hingelegt: Durch den Tierhandel und Freisetzungen ist sie weltweit zu einer invasiven Art geworden. Auch in Europas Gewässern machen sich die robusten Reptilien zunehmend breit - sie verdrängen dabei die einheimische Schildkröten und bringen die Ökosysteme durcheinander, wie die Dresdner Forscher in einer früheren Studie dokumentieren konnten.

Die Fastenzeit bedroht die neu entdeckte Art

Doch bei der nun neu entdeckten Art ist genau das Gegenteil der Fall, berichten die Wissenschaftler: Kaum entdeckt, könnte sie schon bald verschwinden. "Obwohl das kleine Verbreitungsgebiet der Schmuckschildkröten zum Teil in Schutzgebieten liegt, ist Trachemys medemi stark bedroht", sagt Mario Vargas-Ramírez von der Universidad Nacional in Bogotá. Ihm zufolge ist ein Hauptgrund dafür eine christliche Tradition: In Kolumbien werden in der Fastenzeit vor Ostern enorme Mengen von Schmuckschildkröten gefangen, da man sie dem "Fisch" zuordnet und sie deshalb essen darf. So landen sicherlich auch viele Exemplare der seltenen Trachemys medemi in den Kochtöpfen, befürchten die Wissenschaftler.

Genau diese Fasten-Tradition brachte in den vergangenen Jahrhunderten übrigens auch in Europa die einheimische Sumpfschildkröte an den Rand der Ausrottung. "Zudem verkleinern Waldrodungen den natürlichen Lebensraum der Tiere", sagt Vargas-Ramírez. Der Wissenschaftler schlägt daher vor, die neu entdeckte Art nun als gefährdet in die internationale Rote Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten aufzunehmen.

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

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Martin Vieweg
Autor: Martin Vieweg
Datum: 09.10.2017
Kategorien: Natur / Umwelt
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