Biomasse fliegender Insekten ist in Deutschland um 76 Prozent zurückgegangen

Dramatisches Insektensterben

In Deutschland verschwinden die Insekten: In den letzten 27 Jahren hat sich die Biomasse fliegender Insekten um gut drei Viertel verringert, zeigt eine Studie. Die Daten stammen dabei aus deutschen Naturschutzgebieten – in Agrarlandschaften könnte der Schwund daher noch gravierender sein.

Marienkäfer

Ob Marienkäfer, Biene oder Schmetterling: Insekten werden bei uns immer seltener. (Foto: NABU/ H. May)

Insekten sind die wichtigsten Bestäuber für unsere heimische Pflanzenwelt: Rund 80 Prozent der Vegetation sind für ihre Fortpflanzung auf die Dienste von Bienen, Schmetterlingen und Co angewiesen. Ohne diese Bestäuber gäbe es bei uns kaum Obst oder Gemüse. Doch die Vielfalt und Zahl dieser so wichtigen Helfer nimmt ab. Bei Schmetterlingen und Wildbienen registrieren Forscher schon länger alarmierende Rückgänge.

Auch Alltagsbeobachtungen wecken Sorge: "Früher mussten wir Autoscheiben nach ein oder zwei Stunden Fahrt wieder von Insekten säubern und an Straßenlaternen flogen massenhaft Insekten. Heute ist das meist nicht der Fall", berichtet der Landesvorsitzende des NABU NRW, Josef Tumbrinck. "Diese Beobachtungen wurden mir vielfach aus allen Regionen des Landes mitgeteilt."

Gravierender Schwund

Ob solche Beobachtungen nur Einzelfälle sind oder sich ein allgemeiner Trend abzeichnet, hat nun ein internationales Forscherteam in einer Langzeitstudie untersucht. Über 27 Jahre hinweg fingen die Wissenschaftler in 63 deutschen Naturschutzgebieten fliegende Insekten in einer sogenannten Malaisefalle und bestimmten die Biomasse der täglichen Fänge. Zusätzlich bezogen die Forscher Wetterdaten sowie die Landnutzung im Umfeld der Naturschutzgebiete und die pflanzliche Artenvielfalt des jeweiligen Habitats mit ein.

Das erschreckende Ergebnis: In den letzten 27 Jahren ist die Biomasse der fliegenden Insekten um 76 Prozent zurückgegangen. Im Hochsommer erreichte der Schwund sogar Werte bis zu 82 Prozent – und das in den eigentlich noch als relativ ökologisch intakt geltenden Naturschutzgebieten. Die Wissenschaftler vermuten, dass der Insektenschwund in den intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten Deutschlands noch schlimmer ist.

"Kurs auf ein ökologisches Armageddon"

Und dieser Insektenschwund betrifft nicht nur Deutschland: Schon zuvor haben Langzeit-Untersuchungen aus anderen Ländern Hinweise darauf geliefert, dass auch dort die Insektenbestände zurückgehen. In Europa gibt es zudem einen eklatanten Rückgang von Singvögeln, den Wissenschaftler auf Nahrungsmangel zurückführen: Den Piepmätzen fehlen die Beuteinsekten.

"Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon", warnt Mitautor Dave Goulson von der Sussex University. "Bei dem derzeit eingeschlagenen Weg werden unsere Enkel eine hochgradig verarmte Welt erben."

Landwirtschaft als Schuldiger?

Was aber ist der Grund für den alarmierenden Schwund der Insekten? In der aktuellen Studie haben die Forscher zunächst geprüft, ob naheliegende Ursachen wie das Klima oder die Veränderung der Biotope dahinterstecken könnten. Doch sie kamen zu dem Schluss, dass diese Faktoren allein das große Ausmaß des Insektenschwunds nicht erklären können.

Ihre Vermutung stattdessen: "Die Schutzgebiete und ihre Insektenpopulationen könnten durch die Felder in ihrer unmittelbaren Umgebung beeinträchtigt worden sein – das würde den Trend zumindest teilweise erklären", mutmaßen Caspar Hallmann von der Radboud Universität und seine Kollegen. Denn die Naturschutzgebiete sind oft nicht groß und dicht von intensiv bewirtschafteten Feldern umgeben.

"Allein die Tatsache, dass es sich bei allen Untersuchungsflächen um verinselte Standorte innerhalb von Schutzgebieten handelt, in deren Umfeld zu mehr als 90 Prozent konventionelle Agrarnutzung stattfindet, legt einen negativen Einfluss durch die Landwirtschaft nahe", sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Seiner Ansicht nach müsste sich die neue Bundesregierung umgehend auf EU-Ebene für einen Kurswechsel in der Agrarpolitik einsetzen sowie einen Schwerpunkt auf Erforschung und Schutz der biologischen Vielfalt legen.

Quellen: PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0185809, NABU

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Nadja Podbregar
Datum: 19.10.2017
Kategorie: Natur
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