Grünstoff im Juni

Festtagskleid auf dem Acker

Schadet die Agrogentechnik einer ganzen Generation? Ist nachhalttige Bewirtschaftung die Lösung? Oder ist das doch alles nicht so einfach? Dieser Dokumentarfilm stellt beide Seiten radikal gegenüber und konstruiert eine Zusammenfassung der Situation der Äcker unserer Welt, die keinen kalt lässt.

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Normal ist das nicht. Don Huber, Pflanzenpathologe aus Idaho, USA, hat einige Zahlen auf Lager, die belegen sollen, dass eine ganze Generation geopfert wird. „Es ist nicht normal, dass heute eins von 83 Kindern autistisch ist. 1971 war es nur eins von 10000 Kindern. Es ist auch nicht normal, dass einer von 18 an einer Glutenunverträglichkeit leidet“, sagt der Professor, der seit Jahren seine Stimme gegen den Einsatz genveränderter Pflanzen erhebt und nicht müde wird, auf die verheerenden Folgen des Totalherbizids Glyphosat hinzuweisen. Warum er das tue? Weil er ein persönliches Interesse habe, sein Wissen zu teilen. Immerhin habe er 43 Enkelkinder.

Gut gegen Böse

Don Huber ist eine der gestandenen Persönlichkeiten, die in Bertram Verhaags neuem Film „Code of Survival“ zu Wort kommen. Neun Filme zu den Gefahren von Gentechnik und Agrogentechnik hat der Dokumentarfilmer aus München bereits gedreht. In zwölf weiteren Streifen porträtierte er stets auf sehr persönliche Art und Weise Menschen, die sich einer guten nachhaltigen Landwirtschaft verschrieben haben. Nun führt er erstmals beide Blickwinkel zusammen, besser, montiert sie radikal aneinander. Überspitzt gesagt: Verhaags neuer Film folgt dem simplen Erzählprinzip „Gut gegen Böse“. Wer seine früheren Filme kennt, wird zwar generell mit Blick auf die Thematiken grüne Gentechnik und Biolandbau nicht viel Neues erfahren. Dennoch hat die unmittelbare Gegenüberstellung ihren Reiz. Sie kann für den Betrachter als komprimierte Zusammenfassung fungieren, beleuchtet einerseits die vielerorts erlebte, heilende Kraft der ökologischen Landwirtschaft – lebendige, fruchtbare Böden, hohe Artenvielfalt, hochwertige Lebensmittel –, dokumentiert andererseits die fatalen Resultate der Giftspritze auf dem Acker – harte, tote Böden, nährstoffarme Pflanzen, Superunkräuter, ständig neue, noch aggressivere Agrochemikalien.

Mut zu anderen Wegen

Es ist ein Kinofilm, der vor allem Menschen, die wenig mit der Materie vertraut sind, einen Zugang zur Problematik ermöglichen dürfte, weil er den Betrachter nicht mit dem düsteren Gefühl der Ohnmacht zurücklässt, wie es für Verhaags frühere Anti-Gentechnikfilme typisch war. Er mixt nun einige Helden und ihre Erfolgsgeschichten unter den sonst eher bedrückenden Filmstoff. Vermutlich in der Hoffnung, das spreche ein vom wüsten Reigen alltäglicher Katastrophen abgestumpftes Publikum stärker an. So stehen im Zentrum des Films drei Vorzeigeprojekte ökologischer Landwirtschaft und ihre Macher: die Teeplantage Ambootia in Indien, die Farm „Sekem“ inmitten der ägyptischen Wüste und Franz Aunkofer, einer der ersten Bio-Schweinemäster Deutschlands. Alle hatten den Mut, andere Wege zu gehen. Und noch etwas verbindet sie: Sie arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie. Ein Film, an dessen Ende angekommen der bewegte Zuschauer festlich gekleidet über den Acker schreiten möchte. Gemeint als symbolische Geste dem Boden gegenüber, einem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Heiligtum, dem wir respektvoll begegnen sollten.

 

CoS_Plakat_A4_klein.jpgBertram Verhaag (Regie): Code of Survival. Zwischen Ohnmacht und Liebe. 90 Minuten.

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Tania Greiner
Autor: Tania Greiner
Datum: 22.06.2017
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