Internationaler Schmuggel

„Heute Elfenbein, morgen Waffen“

Tom Milliken ist Leiter des Artenschutznetzwerks Traffic und Chefermittler des WWF. Im Gespräch berichtet er von einer Eskalation beim Schmuggel mit Elfenbein, von Diebstählen in deutschen Naturkundemuseen und dem Ferrari-Faktor von Nashornpulver.

Examining-ivory-figurine-illegally-on-sale_250.jpgSie sind seit mehr als 30 Jahren als Artenschützer unterwegs. Inwiefern nimmt der illegale Handel mit Elfenbein aktuell zu?

Die Situation eskaliert seit 2007. Von Jahr zu Jahr wächst der illegale Handel mit Elfenbein. Erst vor Wochen haben Behörden in Hongkong zwei Schiffe mit vierzig Tonnen Elfenbein hochgenommen. Was 2012 angeht, hören wir schon, dass derzeit in Afrika mehr Elefanten getötet werden als jemals zuvor in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Wir sprechen über Zehntausende Elefanten jährlich. Die letzten Monate des Jahres werden die schlimmsten. Im südlichen Afrika herrscht dann Regenzeit, und die Wilderer können sich unbemerkt den Herden nähern. Auch bei den Nashörnern erreichen wir in diesem Jahr wohl wieder ein Negativ-Rekord – schon jetzt haben wir 620 Nashörner an Schmuggler verloren. Wir nehmen an, dass mehr als 1000 Nashorn-Hörner jährlich in den Handel gelangen. Vor sieben Jahren haben wir noch von ein paar Dutzend gesprochen.

In welche Länder wird Horn und Elfenbein geschmuggelt?

Vor allem nach Vietnam. Das Land ist zum größten Konsumenten von Rhino-Horn aufgestiegen. Man nimmt das Pulver mit auf Partys, träufelt es in den Wein und glaubt dann ganz fest, dass man am nächsten Tag keinen Kater hat, was Unfug ist. Und es geht um Status. Denn wer Horn hat, gilt als reich. Horn und Elfenbein haben in Vietnam einen Ferrari-Faktor. Des Weiteren gibt es Syndikate, die gezielt krebskranke, wohlhabende Menschen ansprechen. Immer mehr Vietnamesen haben schon von dem Mythos gehört, dass sich mit dem Pulver die Krankheit heilen lässt – natürlich funktioniert das nicht. Zuweilen wird Horn und Elfenbein aber auch als Geschenk verwendet – an Politiker oder Wirtschaftsbosse. Es gibt nur sehr wenig Bedenken, was gefährdete Tierarten angeht.

Was ist zu tun?

Kurz gesagt: Es reicht nicht, wenn der Zoll große Elfenbeinfunde macht. Es muss dann auch zu Verhaftungen, Anklagen und Prozessen kommen.

Wie verschaffen Sie sich einen Überblick über den illegalen Handel?

Undercover geht nicht mehr, das ist zu gefährlich. Ich manage eine globale Datenbank zum Handel mit Elfenbein, das so genannte Elephant Trade Information System, kurz ETIS. In die Datenbank fließen Erkenntnisse aus der ganzen Welt ein – von Regierungsstellen, Naturschutzorganisationen und Medienberichten. Derzeit sind etwa 18500 Vorfälle erfasst, die sich in den vergangenen drei Jahren ereignet haben. Es ist ein sehr starkes Werkzeug. Eines der Ergebnisse: 2011 wurde so viel Elfenbein geschmuggelt wie seit 23 Jahren nicht mehr. Wir nähern uns derzeit wieder rasant dem Niveau der 80er Jahre an, als Elefanten- und Nashorn-Populationen in der tiefsten Krise steckten.

Sie arbeiten nur noch am Rechner?

Nein, wir schicken auch Mitarbeiter auf Märkte etwa in Thailand. Elfenbein ist ein Luxusprodukt, das ausgestellt werden muss, um Käufer zu finden. Man muss nur bestimmte Geschäfte aufsuchen. Und das geht relativ gefahrlos. Wenn es Elfenbein gibt, sieht man es, kann es zählen und ungefähr bestimmen, wie viel es gibt. In Thailand haben wir Hunderte Geschäfte ausfindig gemacht; wir gehen von 26000 Produkten aus – und wenn man dann bedenkt, wie viele deutsche Touristen dort jedes Jahr Urlaub machen ...

Warum beliefern Schmuggler nicht gleich Deutschland und Europa?

Es ist eher umgekehrt: Zum ersten Mal in meiner Karriere ist Europa eine Quelle für Schmuggler. Wir beobachten, dass europäische Naturkundemuseen seit 2011 gezielt von Kriminellen heimgesucht werden. Insgesamt schätzen wir, dass rund 100 gestohlene Hörner in den illegalen Handel gelangt sind. Vor allem Deutschland ist Opfer. In eine Hand voll Museen ist bereits eingebrochen worden. Vietnamesen aus Tschechien sind vermutlich beteiligt.

Bedroht der illegale Handel die Staatenwelt?

Die mafiösen Strukturen sollten nicht unterschätzt werden. Seit Vietnam in den illegalen Handel eingestiegen ist, sind südostasiatische Syndikate dabei, sich in Südafrika niederzulassen – für Südafrika geht es nicht nur um Wildtierhandel, sondern auch um die grundsätzliche Sicherheit. Denn die Schmuggler sind oft auch im Menschenhandel involviert. Und in ein paar Jahren handeln sie möglicherweise noch zusätzlich mit Waffen oder Drogen.

Das Gespräch führte Dirk Liesemer.

Über den Gesprächspartner
Tom Milliken arbeitet seit 32 als Artenschützer. 1982 hat er in Japan das dritte Büro des Artenschutznetzwerkes Traffic eröffnet (kurz darauf wurde in Deutschland das vierte Büro gegründet). Milliken hat zwölf Jahre in Asien verbracht. Derzeit lebt er in Afrika und verantwortet Ostafrika und das südliche Afrikas. Er kümmert sich um den globalen Handel mit Elfenbein und Nashorn. Traffic sieben Regionalprogramme, knapp 40 Büros und 160 Mitarbeiter weltweit.

Fotos: Copyright Tom Milliken

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Dirk Liesemer
Autor: Dirk Liesemer
Datum: 20.11.2012
Kategorien: Menschen / Natur
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