Zukunft Leben: Haischutzgebiet im Pazifik

Interview mit Albon Ishoda: Hai-Life um die Marshall-Inseln

Albon Ishoda war als Vorsitzender der Marshall Islands Conservation Society (MICS) maßgeblich an der Ausrufung des weltweit größten Haischutzgebietes beteiligt, das seit 1. Oktober 2011 besteht. Warum die Schutzzone der Marshallinseln nur ein Baustein in einer globalen Agenda sein kann, erzählt er uns in einem Skype-Interview.

Albon-Ishoda---Lauftext---Foto_-Marco-Wandura_250.jpgDie Haischutzzone der Marshallinseln ist fast so groß wie das Mittelmeer. Lässt sich solch ein Gebiet überhaupt überwachen?
Albon Ishoda: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Wie überwachen wir das Gebiet? Es gibt das Vessel-Monitoring-System der Parties of the Nauru Agreement (PNA), welches acht Pazifiknationen zur Überwachung der Thunfischbestände entwickelt haben. Grundlage des Systems ist, dass alle Fischer ein Ortungssystem an Bord haben müssen. Dieses sendet ein Funksignal aus, das aufgezeichnet wird - dadurch können wir die Kurse aller registrierten Boote aufzeichnen. Natürlich weiß niemand, ob Haie gefangen werden. Hinzu kommt, dass es nur ein Patrouillenboot gibt. Daher ist es schwierig, das riesige Gebiet umfassend zu überwachen. Wir versuchen aber einen besseren Weg zu finden. Dazu arbeiten wir mit Partnerländern wie zum Beispiel den USA oder anderen mikronesischen Inseln zusammen.

Gibt es bereits Zahlen, welche die Effektivität der weltweit größten Haischutzzone belegen?
Nein. Es ist schwer, schon jetzt etwas zur Effektivität zu sagen. Das Schutzgebiet gibt es nun seit knapp zwei Jahren. Das ist ein kurzer Zeitraum. (Anm. d Redaktion: Viele Haiarten brauchen lange bis zur Geschlechtsreife. Bei Zitronenhaien zum Beispiel dauert es etwa 13 bis 15 Jahre). Außerdem brauchen wir Partner, um aussagekräftige Zahlen zu bekommen. Zum Beispiel die Fischfangflotten selbst. Es wäre also etwas voreilig zu sagen, ob wir Erfolg haben. Ich bin aber überzeugt, dass wir in einiger Zeit vorweisbare Daten bekommen, die uns zeigen, dass wir das Richtige tun.

Welche Strafen drohen Fischern, die im Schutzgebiet Haie fangen?
Die Gesetze im Zusammenhang mit den Schutzgebieten sind die strengsten der Welt. Es dürfen sich keine Haiprodukte auf Booten innerhalb der Hoheitsgebiete befinden – unabhängig davon, ob sie dort gefangen wurden. Alle Fischer, die gegen dieses Gesetz verstoßen, müssen hohe Strafen zahlen und ihre Lizenz wird eingezogen. Die Marshall Islands Marine Resource Authority  (MIMRA), die für die Überwachung zuständig ist, hat bereits mehrere Lizenzen entzogen. Erst Anfang Juni fanden Beamte 50 Haie an Bord eines chinesischen Bootes.

Was war der Hintergrund der Entscheidung, das Schutzgebiet auszurufen?
Da gab es mehrere Gründe. Es geht uns um Würde und Selbstachtung. Wir sind auf unseren Inseln auf ein funktionierendes Ökosystem angewiesen, um zu überleben. 90 Prozent unserer Ressourcen kommen aus dem Meer. Wir möchten also sicherstellen, dass der Ozean gesund ist und hilft, das Land voranzubringen. Andererseits hilft die Erholung der Haibestände auch der Wirtschaft, da zum Beispiel mehr Taucher ins Land kommen.

Sie waren aber nicht die ersten, die eine Haischutzzone ausriefen.
Das ist richtig. Unser Nachbarstaat Palau hat 2009 das weltweit erste Haischutzgebiet ausgerufen. Wir haben uns angeschlossen, denn ein Land alleine kann nicht viel ändern. Wir, die Mikronesier aus Palau und den Marshallinseln, müssen unsere riesigen Hoheitsgebiete auf See besser schützen. Die Gebiete sind wie unsere Gärten hinterm Haus. Da müssen wir zusammenstehen. Palau ist eines der kleinsten Länder der Welt, spielt aber dennoch eine führende Rolle, wenn es um Natur- und Umweltschutz geht. Die Haischutzgebiete sehen wir als Vollendung der "Micronesia Challenge"  an (Anm. der Red.: eine Initiative mehrerer Staaten im Westpazifik zur Bewahrung der Natur). Haie sind ein Thema, aber es gibt noch viele andere. Wir wollen zusammen die globale Agenda vorantreiben.

Und was ist Ihre Rolle in dieser Agenda?
Als Leiter der MICS versuche ich mit meinem Kollegen, Themen des Natur- und Umweltschutz in der Bevölkerung anzusprechen. Wir erklären ihnen, warum es wichtig ist, unsere natürlichen Ressourcen zu schützen. Zusammen mit der Marshall Islands Marine Resource Authority haben wir der Regierung vorgeschlagen, die Haischutzzone auszurufen. Kürzlich haben wir die UN unterstützt, für Grundschulen eine Infobroschüre über das Ökosystem Ozean zusammenzustellen. In unserem aktuellen Projekt versuchen wir, Lernmaterialien über Haie in den Schulunterricht zu bringen.

Der Hai wird häufig als gefährlicher Menschenfresser inszeniert. Dabei ist er enorm wichtig für das Ökosystem Meer, was vielen nicht klar ist. Welche Bedeutung hat der Hai in der Natur?
Zunächst hat der Hai eine wichtige Funktion im Ökosystem des Meeres: Als Spitzenprädator steht er am Ende der Nahrungskette und reguliert somit die Fischbestände. Daneben spielt der Hai auch eine wichtige Rolle in der Kultur der Marshallinseln: Haie sind prachtvolle, mächtige Tiere, denen man mit Ehrfurcht begegnet.

Im April 2012 kam es in Palau nach einer Verfolgungsjagd illegaler chinesischer Fischerboote zu vier Toten. Fürchten Sie, dass eines Tages auch einer Ihrer Kollegen nicht mehr von einer Patrouille zurückkommt?
Es ist richtig, dass ich mir auch Gedanken um unsere Beamten mache. Im letzten Jahr haben wir Ausbildungsprogramme mit ihnen durchgeführt. Aus Guam kamen Marshalls der US-Armee dazu. Unsere Beamten sollen in schwierigen Situationen besser reagieren können. Wenn wir uns nicht für unsere Ressourcen einsetzen, werden Leute von außen kommen und Ansprüche geltend machen, um sich zu bereichern.

In Kolumbien engagiert sich die Biologin Sandra Bessudo für Schutzgebiete. Die meisten Fischer verstehen ihr Anliegen nicht. Deshalb hat sie einen mit auf einen Tauchgang genommen - zum ersten Mal in seinem Leben. Er ist jetzt ein Fürsprecher ihrer Anliegen.
Das ist eine gute Idee. Allerdings sind die Fischer aus Taiwan, China oder den Philippinen, die in den Hoheitsgewässern der Marshallinseln fischen, Teil der Globalisierung. Die Globalisierung ist ein System, das immer mehr verdienen will. Wenn man bedenkt, dass eine Schale Haifischflossensuppe etwa 100 US-Dollar kostet, kann man sich gut vorstellen, wie lukrativ das Geschäft mit den Haien ist. Deshalb muss der Haischutz bei den Menschen beginnen, welche die Ressourcen besitzen.

Die Marshall-Inseln und andere kleine Pazifiknationen kämpfen also gegen eine mächtige Fischfang-Lobby. Was können Sie zusammen mit Ihren Kollegen bei MICS tun, um die Ausbeutung der Meere und das Aussterben der Haie zu verhindern?
Es geht darum, wer wir wirklich sind. Ich bin auf diesen Inseln zu Hause. Meine Passion ist das Meer. Ich esse, lebe und atme die Inseln! Ich will diesen Lebensraum für uns und den Rest der Welt bewahren. Ich versuche, mich in meiner Funktion als Leiter der MICS für die Beziehung Mensch-Natur einzusetzen. Darauf verwende ich all meine Energie.

Das Interview führten Fabian Sell und Marco Wandura.

 

Albon-Ishoda--Titelbild-Foto_-Marco-Wandura_250.jpgZum Gesprächspartner
Albon Ishoda hat an der USP University von Suva, Fiji, die Fächer Fernerkennungsdaten (Remote Sensing) und Geo-Informationssystem (Geographic Information Systems) studiert. Als Naturschützer arbeitet er seit zwölf Jahren im Bereich Küsten, Meer und Ressourcen.

Alle Bilder zeigen Albon Ishoda - Copyright: Marco Wandura (Fotograf)

 

 

 

 

 

 

Zukunft Leben: die neue Interview-Serie der Hochschule Darmstadt.
Genau 300 Jahre, nachdem der Begriff der Nachhaltigkeit in der sächsischen Fortwirtschaft erfunden wurde, sind nachhaltige Themen in aller Munde: Ob Energiewende, Klimapolitik, Agrarreform, E-Autos oder urbanes Gärtnern – überall grünt es. Wie vielschichtig die Diskussion geworden ist, macht die neue Interview-Reihe auf natur.de deutlich. Unter der Überschrift „Zukunft Leben" haben 23 Journalismus-Studierende der Hochschule Darmstadt führenden Experten zu unterschiedlichsten grünen Fragen interviewt – sachlich, kritisch und mit dem Blick nach vorn. Sie haben auch selbst gefragt, wie sich grüner leben lässt und ließe. Über ihre Versuche, Utopien und Fragen bloggen sie unter „Zukunft Leben"

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Informationen zum Artikel

Autor: natur Autor
Datum: 16.07.2013
Kategorie: Natur
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