Unterschätze Naturgewalten

Klimawandel: Noch höhere Deiche nötig?

Man könnte meinen: Die Küstenschutzbauwerke müssen einfach entsprechend des Anstiegs des Meeresspiegels erhöht werden. Doch die Rechnung ist deutlich komplizierter, warnen nun Forscher. Überproportional hoher Schutzbedarf ist offenbar an der deutschen Nord- und Ostseeküste nötig.

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An der Küste muss weiter aufgerüstet werden. loniebonie/fotolia.com

Kürzlich hat wieder einmal ein starkes Sturmhochwasser die deutsche Ostseeküste heimgesucht – dies verdeutlicht, welchen Bedrohungen wir uns in Zukunft immer häufiger stellen müssen: Der steigende Meeresspiegel in den Zeiten des Klimawandels verstärkt die Macht der Naturgewalten an der Küste. Deshalb ist es nun besonders wichtig, für die bedrohten Bereiche aktuelle und zukünftige Sturmflut- und Wellenhöhen bestmöglich zu prognostizieren. Denn diese Prognosen müssen als Grundlage für die Planungen zum nötigen Ausbau von Deichen und Flutschutz-Anlagen dienen.

Überproportional starke Fluten

Bisher schätzen Experten die zukünftig nötigen Schutzhöhen dieser Küstenschutzbauwerke anhand von Prognosen zur Steigerung des mittleren Meeresspiegels im Rahmen des Klimawandels. In den bisherigen Untersuchungen wurden damit aber die mit der Meeresspiegelerhöhung einhergehenden Veränderungen bei den Sturmflutwasserständen und Wellenhöhen nicht aussreichend berücksichtigt, kritisiert ein internationales Forscherteam um Arne Arns vom Forschungsinstitut Wasser und Umwelt an der Universität Siegen. Die entsprechenden Einschätzungen haben die Wissenschaftler nun durch eine umfassende Analyse geliefert. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Bedrohungen durch die Meeresgewalten deutlich größer sind als bisher angenommen.

Die Untersuchungen zeigen, dass insbesondere in den flachen Wattbereichen Nordfrieslands dynamische und komplexe Wechselwirkungen zwischen Änderungen des Meeresspiegels und extremen Wasserständen auftreten. Als Konsequenz werden die Sturmflutwasserstände etwas stärker ansteigen als der Meeresspiegel. Auch auf die Wellen hat ein steigender Meeresspiegel eine erhöhende Wirkung, zeigen die Analysen der Forscher. "So werden diese in Zukunft weniger durch die Wattflächen beeinflusst und können einfacher beziehungsweise weniger stark beeinflusst in Richtung Küste und Schutzbauwerke wandern und daher größer ausfallen als bisher", erklärt Arns.

Unterschätzung des Schutzniveaus droht

Den Forschern zufolge geht aus ihren Ergebnissen hervor, dass die Deichanlagen entlang der nordfriesischen Küste teils stark erhöht werden müssen. Konkret: Um das 1,5- bis 2-Fache des mittleren Meeresspiegelanstiegs, der bisher als Grundlage für die Schutzhöhen dient. "Die von uns aufgezeigten Effekte sollten in zukünftigen Untersuchungen dringend berücksichtigt werden. Wenn wir die für die Zukunft erforderlichen Schutzhöhen vereinfacht über prognostizierte Meeresspiegeländerungen abschätzen, kann dies zu einer Unterschätzung des erforderlichen Schutzniveaus führen", sagt Arns.

Die Studie zeigte erneut, wie komplex und schwer einschätzbar die Wechselwirkungen sein können, wenn sich wichtige Parameter in der Natur ändern. Wie die Forscher betonen, könnte es im Rahmen der Meeresspiegelerhöhung durchaus auch zu natürlichen Effekten in der Küstenstruktur kommen, welche die Bedrohungen wieder einschränken: "Die zukünftige Entwicklung der Wattflächen ist bislang schwer abschätzbar", sagt Arns. Wieder wird somit deutlich: Der Klimawandel bringt Probleme mit vielen heiklen Fragezeichen.

Quelle: http://www.uni-siegen.de

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Martin Vieweg
Autor: Martin Vieweg
Datum: 09.01.2017
Kategorien: Menschen / Natur / Umwelt
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