Deutschland verliert gut zwölf Millionen Brutpaare in zwölf Jahren

Nach den Insekten auch die Vögel

Der alarmierende Schwund der Bestände betrifft nicht nur die Insekten: Auch die Vögel in Deutschland erleben einen deutlichen Rückgang, wie eine Auswertung ergab. Demnach ist allein von 1998 bis 2009 die Zahl der Brutpaare um rund zwölf Millionen zurückgegangen.

Haussperling

Neben vielen Feldvögeln ist auch der Haussperling vom Rückgang betroffen (Foto: NABU/Fotonatur)

Gestern erst veröffentlichten Forscher die Hiobsbotschaft, dass sich in Deutschland ein drastischer Insektenschwund abzeichnet: In den letzten 27 Jahren hat sich demnach die Biomasse fliegender Insekten bei uns um drei Viertel verringert. Dies hat nicht nur fatale Folgen für die von Bestäuberinsekten abhängigen Pflanzen, auch viele Vögel sind auf Fliege, Schmetterling und Co als Futter angewiesen. Schon länger deuten Studien daraufhin, dass deshalb auch die Menge der Singvögel in Europa zurückgeht.

Wie es mit dem Vogelschwund in Deutschland aussieht, zeigt nun eine neue Auswertung von Daten aus der Zeit zwischen 1998 und 2009. Diese Vogelbestandsdaten hatte die Bundesregierung 2013 an die EU gemeldet, ausgewertet wurden damals aber nur Zu- oder Abnahme bei einzelnen Arten. Jetzt haben Forscher des NABU anhand dieser Zahlen ermittelt, wie sich der Gesamtbestand der Vögel in Deutschland entwickelt hat.

15 Prozent weniger in nur zwölf Jahren

Das Ergebnis auch hier: Es gibt einen klaren Rückgang. In nur zwölf Jahren hat Deutschland 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verloren. Ihre Zahl ging von 97,5 auf 84,8 Paare zurück. Das entspricht 15 Prozent des ursprünglichen Bestandes von 1998. Wie die Forscher feststellten, sind von diesem Vogelschwund vor allem häufige Arten betroffen.

"Aufgrund dieser dramatischen Zahlen muss man von einem regelrechten Vogelsterben sprechen", sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. "Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein. Sie finden einfach in unserer heutigen aufgeräumten Agrarlandschaft außerhalb von Naturschutzgebieten keine Überlebensmöglichkeiten mehr."

Den Star trifft es am härtesten

Die Abnahme der Bestände trifft dabei nicht alle Vogelarten gleichermaßen. Mit Abstand am stärksten sind die Verluste beim Star. Der frisch gekürte Vogel des Jahres 2018 stellt 20 Prozent der seit 1998 verlorenen Brutpaare. Mit fast 2,6 Millionen Brutpaaren weniger ist diese einst bei uns extrem häufige Art besonders betroffen. Seine bevorzugten Lebensräume wie Weiden, Wiesen und Feldränder werden immer seltener und artenärmer. Auch die für das Brüten nötigen Baumhöhlen schwinden.

Auf den nächsten Plätzen folgen die ebenfalls einst häufigen Arten Haussperling, Wintergoldhähnchen und Buchfink. Aber auch Feldlerche, Feldsperling und Goldammer sind unter den zahlenmäßig größten Verlierern. "Sowohl bei den seltenen als auch bei den häufigen Arten sind die Vögel der Agrarlandschaft am stärksten betroffen", berichtet NABU-Vogelexperte Lars Lachmann.

Vogelrückgang

Antel der Vogelarten am Rückgang der Brutpaare in Deutschland (Grafik: NABU)

Ursache auch hier die Landwirtschaft

Er vermutet, dass ähnlich wie bei den Insekten die Intensivierung der Landwirtschaft einer der Gründe für den Schwund der Bestände ist. Denn im untersuchten Zeitraum hat der Anteil an artenreichen Wiesen und Weiden oder Brachflächen drastisch abgenommen, der intensive Anbau von Mais und Raps hat sich dagegen verstärkt. "In der Entwicklung unserer landwirtschaftlich genutzten Flächen ist auch der mutmaßliche Grund für diesen massiven Bestandseinbruch zu suchen", so Lachmann.

Durch Monokulturen, wegfallende Feldraine und kaum noch Wildkräuter in der Feldflur fehlt es den Vögeln gleich doppelt an Futter: Samenfresser finden keine Futterpflanzen mehr und Insektenfresser keine Beute. "Ein direkter Zusammenhang des Insektenschwunds mit dem Vogelrückgang ist sehr wahrscheinlich, denn fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten", sagt der NABU-Vogelexperte.

Der NABU fordert die Koalitionsparteien einer neuen Bundesregierung daher dringend dazu auf, die Notbremse zu ziehen, und eine grundlegende Reform der Agrarförderung auf EU-Ebene durchzusetzen. Öffentliche Gelder sollen nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden, sondern aus einem Naturschutzfonds an Landwirte für konkrete öffentliche Naturschutzleistungen gezahlt werden. "Nur so lässt sich das Verschwinden der Vögel vor unseren Augen aufhalten und rückgängig machen, bevor es zu spät ist", so Lachmann.

Quelle: NABU

2 Leserkommentare zu diesem Artikel:
von Modirama Kopelke / 21. Oktober 2017 / 22.55 Uhr

Propeller

Gravatar ThumbnailMonokulturen in der Landwirtschaft gibt es schon seit Jahrzehnten. Das kann also nicht der Grund sein. Diese Propeller-Windmühlen-Flut gibt es aber erst seit 15 Jahren. Also? Es gibt übrigens längst Windmühl-Typen, die keine Vögel töten. Zu sehen auf www.soltuuli.com .

von Axel Mayer, BUND-Geschäfsführer / 22. Oktober 2017 / 10.21 Uhr

Noch mehr Infos zum Vogelsterben und seinen Ursachen

Gravatar ThumbnailDer BUND am Südlichen Oberrhein hat eine Vielzahl von Infos zum Vogelsterben und seinen Ursachen zusammen getragen. Den Beitrag finden Sie hier: http://www.bund-rvso.de/vogelsterben-ursachen.html

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Informationen zum Artikel

Nadja Podbregar
Datum: 20.10.2017
Kategorie: Natur
Kommentare: 2

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