Grünstoff im März

Netzwerker des Lebens

Humboldt ist der Erfinder der Natur, wie wir sie heute sehen sollten; der Vater der modernen Umweltschutzbewegung. Eine spannende Biographie schlüsselt die Ideen des Naturforschers auf und zeigt, wie aktuell sie sind.

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Der Tod der Mutter glich einer Befreiung. Endlich konnte Alexander von Humboldt – mit 27 Jahren – selbst über sein Leben bestimmen. Der Beerdigung wohnte er nicht bei – stattdessen begann der junge Hansdampf das zu tun, was er sich nie getraut hatte: die Ferne erkunden. Schon vier Wochen nach dem Tod der Mutter war Humboldt mit Feuereifer dabei, seine „große Reise“ nach Südamerika zu planen. Die Mutter hatte andere Pläne für ihn gehabt. Sie sah ihn als hohes Tier in der preußischen Verwaltungshierarchie. Und Alexander, ein „zu guter Sohn“, so schrieb er selbst, gehorchte mit dem Gefühl, „am Gängelbande geführt“ zu sein.

Humboldts moderne Ideen

Mit persönlichen Einblicken wie diesen bringt uns die Historikerin Andrea Wulf den Menschen Humboldt näher. Das macht ihre Biographie spannend und äußerst unterhaltsam. Aber was dieses 560 Seiten starke Werk mit umfangreichem Quellenverzeichnis und Register im Hinblick auf andere Humboldt-Publikationen so aufregend macht, ist dann doch mehr. Es sind die modernen Ideen Humboldts, die Andrea Wulf in den Vordergrund stellt, denn der in Indien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autorin, die seit 20 Jahren in England lebt, wurde während ihrer Recherchen klar: „Obwohl viele von Humboldts Ideen heute außerhalb der Universitäten fast vergessen sind – zumindest in der englischsprachigen Welt –, prägen sie noch immer unser Denken.“ Humboldt, das ist mehr als Abenteuer, Entdeckungsreisen und Naturforschung. Humboldt ist Vater der modernen Umweltschutzbewegung; vor allem aber: Humboldt ist der Erfinder einer Natur, wie wir sie heute sehen – oder sehen sollten. Humboldt, das ist ein Gefühl für die Ganzheit der Welt.

„Alles ist Wechselwirkung"

Wenn wir heute die Natur als feines Netzwerk des Lebens bestaunen oder die komplexe Webart ökologischer Ketten begreifen, dann geht diese Vorstellung unserer Umwelt auf die Gedankenwelt Humboldts zurück. „Alles ist Wechselwirkung“ schrieb er in seinen späten Jahren. Aber schon um 1800, als junger Mann auf Reisen durch Südamerika, war seine Wahrnehmung von diesem modernen Grundgedanken durchdrungen. Am Valenciasee kritisierte er die abgeholzten Wälder, stellte zu den heftigen Regenfällen, die dort neuerdings den Boden davonschwemmten, einen ursächlichen Zusammenhang her. Der Wald schirme den Boden gegen die Sonnenstrahlen ab und schränke damit die Verdunstung der Feuchtigkeit ein, schrieb er und entwickelte den Begriff des vom Menschen gemachten Klimawandels zuerst.
 Wie es dazu kam, seit der kleine Alexander durch die Wälder rund um Schloss Tegel stromerte, zeigt Wulfs grandioses Werk gründlich. Auch wie seine Ideen auf andere Philosophen, Dichter oder Politiker wirkten – von Goethe über US-Präsident Thomas Jefferson bis Charles Darwin, aber auch hierzulande weniger erwähnte wie Henry David Thoreau, George Perkins Marsh und John Muir. Auch hier die Humboldt’sche Wechselwirkung, ein Wechselspiel der Ideen und Gedanken über die Natur.

 

Wulf_AAlexander_von_Humboldt_176298_klein.jpg Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C. Bertelsmann. 560 Seiten, 24,99 € 

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Informationen zum Artikel

Tania Greiner
Autor: Tania Greiner
Datum: 19.03.2017
Kommentare: 0
Schlagworte: Humboldt / Natur

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