Zum Welt-Toilettentag

„Notdurft ist meine Religion"

Durchschnittlich sechsmal am Tag geht ein Mensch auf die Toilette. Doch was, wenn er keine hat? In dieser misslichen Lage sind 2,6 Milliarden Menschen. Und 6000 Kinder sterben täglich wegen mangelnder Hygiene. Jack Sim aus Singapur kämpft mit originellen Mitteln für das „Menschenrecht" auf saubere Klos.

Fotolia_37699942_XS-250.jpgJack Sim pinkelt am liebsten im Stehen – das gibt er gerne zu. Denn wenn er diese Gesprächsebene erreicht hat, weiß er, dass er auf dem richtigen Weg ist. Der zierliche Mann aus Singapur trägt das Haar adrett seitlich gescheitelt, während er von seinem Geschäft redet, das unser aller Geschäft ist.

19. November 2011 im chinesischen Hainan auf dem „Welttoilettengipfel": Eine Diskussions-Plattform, die Jack Sim vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Seither wird das Ganze alljährlich in einer anderen Metropole veranstaltet – Belfast, Moskau, Neu Delhi. Parallel zum Gipfelgespräch hat Sim außerdem den Welttoilettentag etabliert, der weltweit Beachtung findet. Jedenfalls lief die Nachricht im Jahr 2010 bei Twitter auf Rang fünf – der am selben Tag in den USA gestartete neue Harry Potter lag nur eins höher, auf Platz vier.

Es wirkt so, als könne Jack Sim genau jene Worte, die andere nur flüsternd aussprechen, nicht oft genug vor die Weltöffentlichkeit zerren. Wobei er immer ein bisschen schüchtern aussieht, wenn er mit fast entschuldigendem Lächeln zu einem weiteren Kalauer über unsere Verdauung ansetzt. Er mag es sogar, wenn man ihn den Toilettenmann nennt. Sein Motto: „Lach über dich selbst, bring die anderen zum Lachen – und sie werden dir zuhören." Denn die Botschaft des Familienvaters, dessen Frau über ihn sagt, er habe nur vier, sie aber habe fünf Kinder, ist keineswegs so witzig, wie man meinen könnte – wenn sich der 54-Jährige für ein Pressefoto eine Stola aus Toilettenpapier um den Hals legt oder durch eine Klobrille guckt.

jack_photo_small.jpgEr nutzt den Klamauk, um die Blicke auf schwerste Missstände zu lenken: 42 Prozent der Weltbevölkerung – etwa 2,6 Milliarden Menschen, darunter 980 Millionen Kinder – müssen ihre Notdurft im Freien verrichten. Die Folge: Keime gelangen in den Wasserkreislauf und bringen Krankheit und Tod. Alle 14 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind wegen mangelnder Sanitärhygiene. Frauen sind in vielen Ländern nicht sicher vor Übergriffen. Und es gibt afrikanische Mädchen, die nicht zur Schule gehen, wenn sie menstruieren, weil es für sie keinen sauberen Rückzugsort gibt. Dass „sanitäre Hygiene wichtiger ist als politische Unabhängigkeit", wie Mahatma Ghandi einmal sagte, davon ist auch Jack Sim überzeugt. So sehr, dass er sich aus seiner Firma für Baumaterial zurückzog und sich seitdem unentgeltlich für die von ihm gegründete World Toilet Organization einsetzt. „Die andere WTO", sagt er und lächelt. Denn um ohne großes Budget mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, wählte Sim 2001 für seine Initiative bewusst das englische Kürzel der Welthandelsorganisation. „Eine Guerilla-Marketing-Strategie mit Erfolgsgarantie", wie er rückblickend sagt.

Im vergangenen Jahrzehnt wuchs Sims WTO von 15 auf 235 Mitgliedsorganisationen in 58 Ländern. Die World Toilet Organization kooperiert mit internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz und ist Partnerorganisation der UNO, die 2008 zum „Jahr der sanitären Anlagen" erklärt hatte. Die Aktionen der WTO reichen von der seriösen Demo in Washington, um sanitäre Einrichtungen zum Menschenrecht zu erklären, bis hin zu eher unterhaltsamen Aktionen wie einer Pressekonferenz in Berlin: Die Sprecher saßen auf Toilettenschüsseln. Zum Welttoilettentag hat Sim auch den „Big Squat", die „Große Hocke" ins Leben gerufen. Eine Gedenkminute für die Toilettenlosen dieser Welt – in hockender Haltung. „Die Notdurft", sagt Sim, „ist meine Religion."

 

Angelina Jolie und das Klo

  Seine Strategie: Ein Netzwerk zu weben aus Leuten, die Einfluss haben, Leuten, die Geld haben, und Leuten, die sich kümmern wollen. Bürgerinitiativen, Befürworter wie Budgetgeber versucht Jack Sim unter der „Marke" WTO zu vereinen. Er will das Toilettenthema als etwas etablieren, worüber auch Angelina Jolie gern vor laufender Kamera sprechen würde.

Inzwischen gilt die Organisation zudem als führend in der Entwicklung und beim Bau nachhaltiger Sanitärlösungen. Aber eigentlich sieht sie sich eher als beratender Partner für lokale Organisationen, die den Bau dann selbst durchführen sollen. Das 2005 gegründete World Toilet College in Singapur bietet Kurse an für Architekten, Putzleute, Ingenieure – und Schulkinder. Die Einrichtung wird von dem deutschen Biogas- und Wasserexperten Heinz-Peter Mang geleitet.

Wenn es um die Verbesserung der hygienischen Situation in armen Ländern geht, setzt der Toilettenmann auf die emotionale „Prada"-Taktik. Sim glaubt, dass es wenig Sinn macht, einem armen Dorf mit großer Geste ein Toilettenhaus zu stiften. Oft würde das dann zweckentfremdet und als Lagerraum oder Schlachthaus genutzt. Stattdessen versucht er, der sanitären Einrichtung den Reiz eines Statussymbols zu verleihen. Das Image des Klos muss so aufpoliert werden, dass die Menschen es einfach haben „müssen". Schließlich haben sich auch Mobiltelefone in armen Bevölkerungsschichten zum Verkaufsschlager entwickelt, aber viele der stolzen Handybesitzer erleichtern sich immer noch im Freien. Statt ihnen die Toiletten also mit rationalen Gesundheits-Slogans zu verkaufen, will Sim das Klo zum Objekt der Begierde machen: „Wir müssen den Armen Toiletten verkaufen, wie den Reichen Louis-Vuitton-Handtaschen", lautet sein Schlachtplan.

Hygienische Toiletten sind die billigste Gesundheitsvorsorge überhaupt, glaubt Sim. Doch noch immer scheuen humanitäre Hilfsorganisationen vor dem zweiten Teil des „Watsan"-Komplexes zurück: „water and sanitation". Während „water" das Trinkwasser meint, befasst sich „sanitation" mit dem unappetitlichen Abwasser. „Deshalb bekommt die Toilette weder Geld noch Rampenlicht", sagt Jack Sim. Dabei seien einfache, hygienische und ökologische Latrinen schon für acht Euro pro Stück zu haben. Sim kooperiert auch mit Firmen, die Fäkalien zu Dünger umfunktionieren oder aus Klärschlamm Biogas herstellen, das wiederum als Brennstoff zum Kochen eingesetzt werden kann.

 

44 Liter Trinkwasser pro Tag

Beim Welttoilettentag 2008 in Macau verurteilte er allerdings das traditionelle WC: „Die Welt hält dieses Klo nicht aus." Er meint die durchschnittlich 44 Liter Trinkwasser, die zum Beispiel deutsche Haushalte täglich das Klo herunterspülen. „Wir müssen grundsätzlich umdenken", fordert er. Der menschliche Körper sei so entworfen, dass er Festes von Flüssigem trennt. Und seinem Beispiel sollten wir folgen, etwa mithilfe einer Toilette, die den Urin ableitet. Dann könnten die festen Bestandteile zu Dünger kompostiert und in Methangas umgewandelt werden. Der Urin dagegen könnte genutzt werden, um Phosphor und Stickstoff herzustellen – und sauberes Trinkwasser.

Fäkalien sinnvoll weiterzuverwenden ist keineswegs eine neue Recycling-Idee: Im indischen Patna gibt es seit 1982 eine entsprechende Biogasanlage, inzwischen wurden dort schon 68 Biogas-Kraftwerke mit großen öffentlichen Toiletten verbunden. Im ländlichen China wandeln bereits 15,4 Millionen Haushalte das Methan aus dem Klo in Energie um. Im französischen Lille wird der Nahverkehr mit dem gesammelten Methan der Bürger angetrieben, inzwischen wird es sogar ins öffentliche Gasnetz eingespeist.

Den Weltmarkt für günstige und ökologische Sanitär-Lösungen schätzt Sim auf über eine Billion US-Dollar. „Mit einem Profitmotiv könnte man eine nachhaltige Lösung erarbeiten", davon ist der umtriebige Asiate überzeugt. „Je mehr Geschäftsleute sich mit einem sozialen Sektor beschäftigen, umso schneller wird sich etwas verändern." Sim will die Infrastruktur schaffen für einen effizienten Sanitärmarkt.

Deswegen hat die WTO vor drei Jahren die Franchise-Initiative SaniShop entworfen. „Wir bringen armen Menschen bei, simple und nachhaltige Latrinen zu konstruieren und zu einem bezahlbaren Preis an Dorfgemeinschaften zu verkaufen." In Kambodscha ist SaniShop schon erfolgreich angelaufen, sodass Sim nun auch die Inder für sein Franchise gewinnen will. Die WTO bildet vor allem Frauen aus, um die Toiletten schließlich im Dorf zu verkaufen.

Mit der zweiten Hälfte des Lebens etwas Nützliches anfangen

Man könnte auf den Gedanken kommen, jemand, der in der Hightech-Stadt und Sauberkeitshochburg Singapur lebt, wo es bis vor kurzem etwa hundert Euro kostete, wenn man nur ein Bonbonpapier auf der Straße fallen ließ, sei vielleicht besonders anspruchsvoll, wenn es um den Gang aufs stille Örtchen geht. Aber Sim ist selbst im Slum aufgewachsen und kennt Singapur noch aus der Zeit vor dem großen Wirtschaftsboom. „Ich kann mich gut erinnern, dass für die meisten Leute der Fischteich die beste Toilette war." Die Umstellung von seinem Kleinkind-Nachttopf auf die Gemeinschaftslatrine war für ihn eine traumatische Kindheitserfahrung. „Was war ich glücklich, als wir in ein Haus mit Wasserklosett zogen!", erinnert er sich.

Jack Sim war nie besonders gut in der Schule und hat keinen Universitätsabschluss, aber er gründete bereits mit Anfang 20 erfolgreiche Unternehmen wie einen Dachziegel-Großhandel oder eine internationale Schule. Von seiner Mutter hatte er gelernt: „Wer kreativ ist, muss nie Hunger leiden." Die unermüdliche Kleinunternehmerin machte etwa einen Nähkurs und gab ihre Kenntnisse für einen Dollar die Stunde an ihre Nachbarinnen weiter, oder sie schminkte Bräute für die Hochzeit, um ihre Familie zu ernähren.

Mit knapp 40 Jahren hatte Sim ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Er wollte nun nicht mehr dem großen Geld nachjagen, sondern mit der zweiten Hälfte seines Lebens etwas wirklich Nützliches anfangen. „Ich hatte genug Essen auf dem Tisch, einen Platz zum Schlafen und einige finanzielle Freiheit."

Auf seiner Sinnsuche arbeitete er ehrenamtlich als Telefon-Seelsorger und restaurierte Architekturdenkmäler. Auslöser für Sims plötzliches Interesse an der Klokultur war ein Zeitungsartikel. Der damalige Premierminister Singapurs, Goh Chok Tong, rief darin die Bürger auf, sich auch am öffentlichen Örtchen zivilisiert aufzuführen, und Jack Sim hatte seine Berufung gefunden: „Das war eine Marktnische, dafür mochte sich niemand begeistern. Ich fand das sexy."

Bild oben: Fotolia
Bild unten: World Toilet Organisation

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Agnes Fazekas
Autor: Agnes Fazekas
Datum: 19.11.2012
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