Interview mit Jane Goodall

„Reisende sollten sehen, hören und riechen“

Die Schimpansenforscherin Jane Goodall ist eine Ikone des Artenschutzes. Auf ihren Spuren führt unsere Leserreise diesen Sommer nach Tansania. Ein Gespräch über Wilderei in Afrika, Tourismus und den Weg des Wiesels.

Jane-Freud_250.jpgnatur: Dr. Goodall, wie oft sind Sie noch in Gombe?
Goodall: Zweimal im Jahr. Leider immer nur für kurze Zeit. Zuletzt war ich im vergangenen Juli dort.

Wenn Sie vergleichen: Was hat sich seit den frühen 1960ern, als Sie zuerst dort waren, verändert?
Alles ist anders heute. Zuerst natürlich das Habitat. Früher war es ein langer, großer Streifen Wald entlang des Tanganjika-Sees. Aber heute gibt es keine Bäume mehr außerhalb des Nationalparks. Gombe ist nur mehr eine Insel, umgeben von nackten Hügeln.

Ist es vollkommen isoliert?
Wir arbeiten mit mehreren Dörfern zusammen. Die Dorfgemeinschaften stellen Land bereit, und wir erhalten auf diese Weise Korridore für die Tiere. Also Streifen von Land, auf denen sich Schimpansen von einem Schutzgebiet ins andere bewegen können.

Was sind die größten Probleme in Gombe, in Tansania und vielleicht sogar in ganz Afrika?
Das größte Problem ist das Tempo, mit dem die Bevölkerung wächst. Dann kommen extreme Armut, die hohe Rate der HIV-Infizierten und die Wilderei.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Wilderei? Fast 600 Nashörner und 10  000 Elefanten wurden allein 2012 erlegt.
Schrecklich. Solange sich jedoch Abnehmer finden, die exorbitante Preise zahlen, ist dem Töten schwer beizukommen, es wird immer Wilderer und Schmuggler geben. Wir haben im Rahmen unseres Jugendprogramms „Roots and Shoots“ eine Kampagne ins Leben gerufen, die fordert, kein Elfenbein mehr zu kaufen.

Warum sind die Zeitungen voll von Nachrichten über die Wirtschaftskrise? Und die Umweltkrise findet kaum Beachtung?
Das ist für mich Ausdruck der Art und Weise, wie das Big Business jede Art von Regulierung zugunsten der Umwelt außer Kraft setzt. Es geht nur um Wirtschaft, nur um Jobs. Aber das ist viel zu kurzfristig gedacht. Auf lange Sicht zerstört diese Art des Wirtschaftens den Planeten. Die Wilderei, die sich zurzeit in Afrika abspielt, ist Krieg. Und es macht mich wütend. Denn ich liebe Tiere.

Brauchen wir eine Art Grünhelm-Truppe analog zu den Blauhelmen der UNO, um an Brennpunkten des Naturschutzes einzugreifen?
Bei den schwer bewaffneten Wilderern müssen wir vielleicht zu solchen Mitteln greifen.

Ist unsere Art des Naturschutzes mit ihren Nationalparks nicht geradezu museal und unzeitgemäß? Natur unter der Käseglocke sozusagen.
Es ist ein Museum, natürlich. Aber es geht immer mehr dahin, Korridore zu schaffen. Das ist eine neue Idee des Zusammenlebens zwischen Wildtieren und Menschen. „Gemeinsam in Harmonie“ nenne ich das. Das ist natürlich schwierig. Wenn Sie ein Farmer wären und immer wieder eine Herde Elefanten über ihre Felder trampelt, wären Sie auch nicht sehr glücklich. Es ist eine Politik der kleinen Schritte. In Tansania haben wir ein Roots-and-Shoots-Projekt, bei dem die Drähte von Elektrozäunen mit einer Paste aus Rotem Pfeffer und Elefanten-Dung eingeschmiert werden. Das schreckt die Elefanten ab.

Scheint aber nicht auszureichen ...
Nein, es ist ein Anfang. Wir brauchen mehr Aufklärung, mehr Bildung. Der Schlüssel ist die Ausbildung der Kinder. Das Schulsystem entfremdet sie immer mehr von der Natur, statt sie zusammenzubringen. Dann brauchen wir mehr Hilfen, mehr Ranger ... Und schließlich brauchen wir wirksame Mechanismen gegen die Korruption. In Tansania reicht die Korruption bis in die höchsten Regierungskreise.

Oft scheinen Wilderer auch zu wildern, um ein Statement gegen das herrschende Regime abzugeben.
Das kann schon sein, eine Art Kommentar dazu, dass wir aus dem Westen kommen und versuchen, die Regeln zu machen. Als zum Beispiel der Präsident Tansanias eine Straße durch die Serengeti bauen wollte, die die jährliche Wanderung der Tiere stören würde, hat eine Gruppe eine Briefkampagne initiiert. Hunderte von Briefen aus dem Ausland erreichten den Präsidenten. Mit dem Ergebnis, dass er sagte: „Das ist unser Land. Warum sollte ich auf die Ausländer hören?“ Unser Ansatz war ein anderer. Gemeinsam mit der Weltbank machten wir uns für eine andere Streckenführung stark, die um die Serengeti herumgeht und Entwicklung für die anliegenden Dörfer mit einschließt.

Ist die Zeit des Druckmachens vorbei?
Manchmal mag das funktionieren, gerade bei kleinen Ländern, die vom Ausland abhängen. Aber man muss vermeiden, dass die Menschen ihr Gesicht verlieren.

Also den Weg des Wiesels gehen? Sich durchlavieren?
Genau. Man ist erfolgreich, wenn sie das Gefühl haben, dein Plan ist ihr Plan. Ich glaube, da gibt es in der Naturschutz-Szene noch zu viel Eitelkeit: „Das ist mein Plan. Ich möchte als die Person gelten, die dieses oder jenes erreicht hat.“ Solches Denken steckt in den Köpfen. Das funktioniert aber nicht. Die Veränderung muss von innen kommen.

Sind Touristen hilfreich bei Naturschutzprojekten?
Sie sind notwendig. Aber sie müssen kontrolliert werden. Gewöhnlich werden sie es nicht. Die Regierung sieht nur, wie viel Geld sie von sechs Touristen bekommt und verdoppelt deren Zahl schnell auf zwölf, um doppelt so viel Geld einzunehmen. Dann kommen Szenen wie diese zustande, dass um einen Löwenriss zehn Geländewagen stehen. Das ist irrwitzig.

Diesen Sommer reist eine kleine Gruppe unserer Leser nach Gombe und besucht auch die Serengeti und den Ngorongoro-Krater. Was empfehlen Sie ihnen?
Das ist schwer für mich, denn die Serengeti von heute zum Beispiel ist ganz anders als die Serengeti, an die ich mich erinnere. Heute ist alles sehr viel erschlossener, voller. Ich würde Ihren Lesern empfehlen, sich von anderen Touristen fernzuhalten und sich Zeit zu nehmen. Nicht immer weiter, weiter, weiter. Einen ruhigen Platz finden, sehen, hören und riechen. Ein Gefühl für den Ort bekommen. Auch ohne Elefantenherde und Löwenriss direkt vor der Nase.

Können Sie sich an den ersten Moment erinnern, an dem Sie dachten: Das ist Afrika?
Ich war mit dem Boot nach Mombasa gekommen und dann gleich in den Zug nach Nairobi gestiegen. Ich schaute aus dem Zug und konnte es gar nicht fassen. Dann holten mich Freunde ab, und wir fuhren in die Berge. Der erste Moment, an dem ich mir bewusst wurde, ich bin in Afrika, war, als wir sehr dicht an einer Giraffe vorbeifuhren. Der lange Hals und die ewig langen Wimpern, die Giraffe beugte sich zu uns runter. Am nächsten Morgen weckte man mich und zeigte mir als erstes den Pfotenabdruck eines Leoparden. Der war so groß wie meine Hand! Ich war angekommen.

Spüren Sie solche Momente heute noch?
Wenn ich nach Gombe komme und im Wald bin. Allein im Wald bin, dann ja. Sonst nicht. Ich versuche immer, wenigstens einen Tag ganz für mich allein zu haben. Dann verstecke ich mich auch vor den Touristen.

Das Interview führte Peter Laufmann im Januar 2013.

Foto: Dr. Jane Goodall with Gombe chimpanzee Freud. © Michael Neugebauer

 

Dr. Jane Goodall kam 1957 zum ersten Mal nach Afrika. Der Zufall brachte sie mit dem Paläontologen und Anthropologen Louis Leakey in Kontakt, und sie wurde einer seiner „Engel“. Während sich Diane Fossey den Gorillas widmete und Biruté Galdikas den Orang Utans, reiste Jane Goodall nach Gombe in Tansania, um dort  Schimpansen zu erforschen. Von da an widmete sie ihr Leben den Primaten und dem Erhalt ihrer natürlichen Lebensgrundlagen. Auch mit 78 Jahren ist Jane Goodall noch ständig als Botschafterin für die Natur unterwegs.

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Informationen zum Artikel

Peter Laufmann
Datum: 05.05.2013
Kategorie: Menschen
Kommentare: 0
Schlagworte: Jane Goodall / Schimpansen / Gombe / Tansania

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