Eine endliche Ressource: Sand

"Sogar Wüstenstaaten sind stark von Sandimporten abhängig"

In der Urlaubszeit gerät eine Ressource in den Blick und unter die Füße, die kaum jemand als solche wahrnimmt: Sand, von dem wir in unserem Leben mehr verbrauchen als Erdöl. Im Interview spricht der Geologe Harald Dill über die Endlichkeit des Sandes, über Inseln, die verschwinden, und eine "Sand-Mafia"

Dill_250--Copyright-Eva-Marie-Meyer.jpgnatur: Herr Dill, wir treten auf Sand, denken aber nicht weiter über ihn nach. Was ist eigentlich Sand?
Dill: Sand wird zunächst durch die Korngröße definiert: Alles was zwischen 0,063 und zwei Millimeter groß ist, bezeichnet der Geologe als Sand. Man unterscheidet außerdem je nach Zusammensetzung verschiedene Arten von Sand. Ein Sandkorn kann mineralogisch sehr unterschiedlich aufgebaut sein. Es kann sich um Kalksteinbruchstücke, Schieferfragmente, Glimmer, Quarz oder sogar Diamanten handeln.

Wie entstehen die Körner?
Sand entsteht durch Verwitterung und Abtragung von Gesteinen in den Bergen und den anschließenden natürlichen Transport aus diesen Hochlagen in die tiefer liegenden Gebiete. Bei diesem Transport werden Gesteine durch Wind, Regen und Sonne mechanisch zerkleinert und zum Teil chemisch gelöst. Dabei bewegen sich die Sandkörner entweder in Richtung eines Sees oder des Meeres.

Um alltäglich zu bleiben: Wo steckt Sand überall drin?
Sand ist Bestandteil unzähliger Produkte. Der größte Abnehmer ist die Bauindustrie; für den Bau von Straßen und Gebäuden ist Sand unersetzlich. Außerdem wird er für die Herstellung von Glas und Keramik verwendet sowie in der Metall- und Automobilindustrie. Aber auch als Baustein in Elektrogeräten oder bei der Erdölförderung spielt er eine Rolle. Je nach den mineralogischen Bestandteilen, der Größe und Form der Sandkörner kann er für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Quarzsand, der in der Natur sehr häufig vorkommt, ist sehr widerstandsfähig und lässt sich gut im Hoch- und Tiefbau verwenden. Andere Sande sind dagegen sehr weich oder zerfallen schnell. Sie sind für den Bau eher ungeeignet. Es gibt außerdem verschiedene Spezialsande, die nur unter bestimmten geologischen Voraussetzungen in der Vergangenheit entstanden sind und daher auch seltener vorkommen. Und in einigen Bereichen der Industrie werden feuerfeste Sande benötigt, diese Eigenschaft haben aber nicht alle Arten.

Sand – die vergessene Ressource und ein unterschätzter Teil unseres Alltags?
Absolut! Sand ist für viele Bereiche unseres Lebens relevant. Das sehen wir auch an der letzten Flutkatastrophe: Ohne die tausenden Sandsäcke wäre das nicht zu bewältigen gewesen. Ein anderes Beispiel ist der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch vor einigen Monaten. In diesem Land kommt der Sand vom Himalaya. Durch den weiten Flusstransport wurde der Sand immer feinkörniger. Das Material, das dann in Bangladesch zur Verfügung steht, ist so feinkörnig, dass es sich eigentlich nicht als vernünftiges Baumaterial eignet. Mangels Alternativen und aus Kostengründen wird er trotzdem verwendet. Deswegen sind viele der Fabriken baufällig und einsturzgefährdet.

Gibt es denn genug Sand auf der Erde?
Eigentlich haben wir noch genug Sand. Das Problem sind die Abbauflächen. Durch den menschlichen Einfluss können wir aber nicht alle natürlichen Vorkommen abbauen. Forstflächen, Wohngebiete und Straßen verhindern, dass wir dort an den Sand im Boden herankommen. Von den natürlichen Vorkommen bleibt somit zum Abbau nicht mehr viel übrig. Wasser hat immer Vorrang gegenüber Sand. Deshalb gibt es Wasserschutzgebiete, die den Sandabbau dort unmöglich machen.

Was bedeutet eine Verknappung kurzfristig?
Wenn wir davon ausgehen, dass es Einschränkungen im Rohstoffbereich gibt, dann ist es wie bei jedem Ausgangsmaterial: Es wird natürlich eine Preissteigerung geben. Wenn Quarzsand teurer ist, schlägt sich das auf die Baupreise nieder. Das sind allgemeine Trends. Genaue Voraussagen zu machen, wann Sand knapp wird, ist derzeit nicht möglich. Ich bin auch einer, der etwas vorsichtig ist.

Kann man nicht auch Wüstensand zum Bauen nutzen?
Man weiß ja, dass Wüsten wachsen. Nein! Dünensande bestehen aus runden Sandkörnern. Zum Bauen benötigt man eckige Körner, die sich ineinander verzahnen und verfestigen. Daher sind die Vereinigten Arabischen Emirate auch stark von Sandimporten abhängig, um ihren aktuellen Baubedarf zu decken.

Könnte der Sandabbau auch geopolitische Folgen haben?
Es könnte tatsächlich sein, dass ein Staat ohne einen Krieg zu führen, das Land eines anderen Staates verkleinern kann. Wenn man an einer Stelle Sand wegnimmt, kann es sein, dass an anderer Stelle die Küste zerstört wird. Es ist also durchaus realistisch, dass sich Grenzen verschieben und Inseln verschwinden.

Was sind denn die ökologischen Konsequenzen?
Nehmen wir einmal das Meer, da wird immer häufiger Sand abgebaut. Und das ist kein Reservoir, aus dem man auf Teufel komm raus Sand abbauen kann. Das Gefährliche ist: Der Sand wird nicht aus 3.000 Meter Tiefe hochgepumpt, sondern aus den Küstenbereichen. Würde man in einem Randmeer wie der Ostsee unkontrolliert Sand abbauen, würde das die Strömung und das Gleichgewicht des Biotops verändern. Von dieser Art des Abbaus kann man heute noch gar nicht gänzlich voraussagen, welche langfristigen Folgen das haben wird. Dabei könnten sogar ganze Küstenstreifen in Mitleidenschaft gezogen werden. Wichtig ist bei all diesen Maßnahmen eben eine weit vorausschauende Planung des Rohstoffabbaus, damit er nicht in Raubbau ausartet.

Gibt es Alternativen zu Sand?
Spezialsande könnte man künstlich erzeugen, aber das dauert lange und kostet viel Geld. Zu gewissen Teilen kann Sand auch recycelt werden. Etwa beim Neubau von Autobahnen - die Bestandteile der alten Straße werden aufbereitet und für die neue Straße wieder verwendet. Reinen Quarzsand kann man allerdings auf diese Weise nicht gewinnen, er ist durch nichts zu ersetzen. Der ist aber aktuell noch ausreichend vorhanden.

Man liest Geschichten von einer „Sand-Mafia" in Afrika. Wissen Sie mehr darüber?
Von dieser Sandmafia habe ich bisher nur gehört. Es überrascht mich aber nicht. Wenn ein Rohstoff wertvoll ist, es gibt ja auch Sande mit Diamanten, dann sind diejenigen, die den Schwarzmarkt beherrschen nicht weit entfernt. Je wertvoller ein Gut, desto näher sind die Diebe.

Interview: Eva-Marie Meyer und Vanessa Tron

 

Dill_200-Copyright-Eva-Marie-Meyer2.jpgZur Person
Prof. Dr. habil. Harald G. Dill (64) ist studierter Geologe und arbeitet mit Unterbrechung seit 1979 bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Er ist verantwortlich für mehr als 300 Publikationen und lehrt an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten.

Alle Fotos: Copyright Eva Marie Meyer

 

 

 

Zukunft Leben: die Interview-Serie der Hochschule Darmstadt.
Genau 300 Jahre, nachdem der Begriff der Nachhaltigkeit in der sächsischen Fortwirtschaft erfunden wurde, sind nachhaltige Themen in aller Munde: Ob Energiewende, Klimapolitik, Agrarreform, E-Autos oder urbanes Gärtnern – überall grünt es. Wie vielschichtig die Diskussion geworden ist, macht die neue Interview-Reihe auf natur.de deutlich. Unter der Überschrift „Zukunft Leben" haben 23 Journalismus-Studierende der Hochschule Darmstadt führenden Experten zu unterschiedlichsten grünen Fragen interviewt – sachlich, kritisch und mit dem Blick nach vorn. Sie haben auch selbst gefragt, wie sich grüner leben lässt und ließe. Über ihre Versuche, Utopien und Fragen bloggen sie unter „Zukunft Leben"

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Informationen zum Artikel

Autor: natur Autor
Datum: 13.08.2013
Kategorie: Umwelt
Kommentare: 0
Schlagworte: Zukunft Leben / Sand / Ressource / Wüste

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