Umweltbewusstsein in Deutschland

Umwelt ist das vergessene Thema

Was beschäftigt die Deutschen, wenn sie über die große Politik nachdenken? Die Finanzkrise? Die Rente oder die Zukunft Europas? Eine repräsentative Umfrage kommt zu einer überraschenden Antwort: der Umweltschutz. In der Politik und der Öffentlichkeit spielt der jedoch kaum noch eine Rolle. Ein Kommentar von Dirk Liesemer

Fotolia_44234631_S_250.jpgDer Umweltschutz ist das vergessene Thema unserer Zeit. Selten findet es mal Eingang in Talkshows, Bundestagsdebatten oder Leitartikel. Oft wird Umweltschutz nur noch im Nebenbei abgehandelt. Als ein zu beachtender Aspekt, aber nicht als originäres Thema. Selbst im Streit um die Ökosteuer fiel das Wort Umwelt ausgesprochen selten. Das liegt auch an seinen Verteidigern, die sich in solchen Debatten von technischen Details beeindrucken lassen und sich wegducken.

Gestern haben Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, in Berlin eine Studie zum Umweltbewusstsein 2012 vorgestellt. Im Sommer vergangenen Jahres wurden dazu 2000 Menschen befragt. Die meisten Bürger – 36 Prozent – nannten die Finanzkrise als das bewegende Thema; dann folgte schon der Umweltschutz, den 35 Prozent als Topthema sehen. Erst danach kamen mit immer größerem Abstand vermeintliche Gewinnerthemen wie Arbeitsmarkt, soziale Sicherungen und Rente. Aufschlussreich ist auch, was nicht genannt wurde, aber in der politischen Agenda hoch gehandelt wird: internationaler Terrorismus, Bildung, Gesundheitspolitik.

Wie kommt es, dass sich so viele Menschen für Umweltschutz interessieren und das Thema doch zugleich so wenig präsent ist? Man findet auch darauf – indirekt – in der Studie eine Antwort: Die Studie will wissen, inwiefern die Menschen den Umweltgedanken auch leben. Inwiefern sie also auf Ökostrom umgestiegen sind und die durch Fernflüge entstandenen CO2-Emissionen kompensieren. Die gute Antwort vorweg: Immer mehr Menschen beziehen Ökostrom und zahlen Kompensation. Allerdings gibt es auch andere Ergebnisse; Biogemüse wird von vielen beispielsweise als sinnvoll erachtet, aber als zu teuer abgelehnt.

Die Frage jedoch, ob man den Umweltgedanken auch brav lebt, ist pädagogisch. Und das ist bezeichnend: Kein anderes Politikfeld ist derart entpolitisiert wie die Umweltpolitik. Schon länger ist es her, dass um große Gesetzesvorhaben zu ökologischen Themen gerungen wurde.

Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, dass die Politik den Umweltschutz als Streitthema begraben hat. Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte auf einer Anti-Atomkraftkundgebung zu den Demonstranten: Ihr könnt nach Hause gehen, wir machen das jetzt. Dieser Spruch ist zum Paradigma geworden. Seither wird Umweltschutz verwaltet und fast ausschließlich als konsensorientiertes Erziehungsprogramm durchgesetzt.

Immerhin zeigt die Studie, dass die Menschen mehr Engagement von der Politik erwarten. Leider will sie aber zu wenig erfahren, welche Umweltthemen denn die Menschen bewegen und worüber mehr in der Öffentlichkeit, im Bundestag und in den Medien gestritten werden sollte. Gentechnisch verändertes Saatgut? Privatisierung des Grundwassers? Biogasanlagen? Zersiedelung? Dass sich alle Bürger hierzulande im Großen und Ganzen einig sind, was Umweltschutz angeht, ist ein Trugschluss. Und nicht einmal der Umwelt dient die derzeitige Missachtung.

5 Leserkommentare zu diesem Artikel:
von Michael Schroeren / 19. Januar 2013 / 16.42 Uhr

Von wegen "konsensortiertes Erziehungsprogramm"

Gravatar ThumbnailOffenbar ist dem Autor entgangen, dass Rot-Grün ab 1998 darangegangen ist, den Reformstau in der Umweltpolitik aufzulösen, den Frau Merkel als Umweltministerin hinterlassen hatte. Um nur einiges zu nennen: Atomausstieg, Stopp des Atommüllexports und der Wiederaufarbeitung, Schließung des maroden Endlagers Morsleben, Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes mit erweiterten Rechten von Bürgern und Umweltverbänden, Neuausrichtung der Chemikalienpolitik, Einleitung der Energiewende mit dem EEG, Einführung des Emissionshandels, Neufassung der Abfallspolitik (inklusive Dosenpfand), etc.pp. Das meiste davon musste gegen erbitterten Widerstand der konservativen Opposition und Teile der Wirtschaft durchgesetzt werden. Wie der Autor vor diesem Hintergrund zu der absurden Schlussfolgerung kommt, seit 2000 werde "Umweltschutz verwaltet und fast ausschließlich als konsensorientiertes Erziehungsprogramm durchgesetzt", ist schleierhaft.

von Dirk Liesemer / 19. Januar 2013 / 22.09 Uhr

Lieber Herr Schroeren,

Gravatar Thumbnailherzlichen Dank, dass Sie hier unter Klarnamen schreiben! Zu Ihren Argumenten: Der Atomausstieg wurde 2000 beschlossen. Das EEG kam 2000. Auf Morsleben wird seit 2001 verzichtet. Das Bundesnaturschutzgesetz wurde 2002 novelliert. Der Dosenpfand gilt seit 1. Januar 2003. Seither wurde nur der Emissionshandel in jüngerer Zeit etabliert. Aber das war auch schon 2005 (und der Handel funktioniert bis heute nicht). Mein Argument ist: Der Umweltschutz bewegt die Menschen, aber er findet in der politischen Diskussion kaum statt. Abgesehen von der Endlager-Diskussion sehe ich kein Umweltthema, das derzeit größere Öffentlichkeit erreicht. Doch selbst dieses Thema findet zu wenig Beachtung. Sehen Sie dazu bitte unser Interview mit Bärbel Höhn und dort die Antwort auf die letzte Frage: http://www.natur.de/de/20/Altmaier-ist-voellig-auf-Quoten-fixiert,1,,1067.html?search=B%C3%A4rbel%20H%C3%B6hn Herzlichen Gruß, Dirk Liesemer

von Michael Schroeren / 19. Januar 2013 / 22.37 Uhr

Vielen Dank

Gravatar Thumbnailfür Ihre Reaktion. Ich widerspreche Ihnen nicht in der Feststellung, dass die Umweltpolitik zu wenig Beachtung findet. Hier gilt eher der Grundsatz: Genug ist nie genug, und das sehen offenbar viele Menschen ähnlich, die laut Studie enefalls mehr Umweltschutz wünschen. Allerdings finde ich Ihre Begründung dafür nicht stimmig, weil undifferenziert und z.T. unpräzise. Ein schlüssiges Argumjent für die Behauptung, seit 2000 werde "Umweltschutz verwaltet und fast ausschließlich als konsensorientiertes Erziehungsprogramm durchgesetzt", liefern Sie nicht. Auch dass es derzeit kein Umweltthema außer dem Endlagerproblem gibt, das die Öffentlichkeit erreicht, bestreite ich: Die Energiewende ist mit allen Facetten bis hin zur Glühbirne in aller Munde. Mir ist es auch zu pauschal, die Umweltpolitik der 4 Umweltminister seit 1998 über einen Kamm zu scheren: Wenn es eine Entpolitisierung des Umweltthemas gegeben hat, dann nicht ab 2000, sondern ab 2009.

von Karl-Heinz Irgang / 23. Januar 2013 / 17.08 Uhr

Umwelt ein eher von den Verantwortlichen klein geredetes Thema

Gravatar ThumbnailIm Bewusstsein der Menschen ist das Thema Umwelt weit höher angesiedelt als es uns die derzeit Verantwortlichen in Berlin und ihre Helfer in den Medien glauben machen wollen. Die Lobbyisten allen voran aus den großen Energiekonzernen und ihren Zulieferern haben das Thema auch mit Scheinlösungen abgewürgt um ihr Monopolisten-Dasein nicht noch weiter zu gefährden. Der Kanzlerin kommt das gerade sehr gelegen, würde doch eine offene und für die Mehrheit der Bürger interessante Auseinandersetzung über das Thema ihr Totalversagen als damalige Umweltministerin geradezu offenbaren. War sie es doch auch die den Lobbyisten erst Tür und Tor in das Ministerium und zu seinen Ghostwriterplätzen für neue Verordnungen geöffnet hat, Herr Töpfer wusste dies zu seiner Zeit noch zu verhindern.

von Karl-Heinz Irgang / 23. Januar 2013 / 17.09 Uhr

Fortsetzung

Gravatar ThumbnailIn vielen Gesprächen mit Mitmenschen wird immer wieder klar dass sich hier so langsam Volkszorn aufstaut angesichts der drohenden Dramatik für Natur und Umwelt. Dies umso mehr wenn Meldungen über Freundschaftsumbesetzungen im Hause Altmaier oder Unzufriedenheit bei IKEA über 10% Wachstum bei einem Gewinnzuwachs von 8% die Runde machen. Umwelt muss in diesem Jahr zu dem zentralen Thema in der Öffentlichkeit werden und es verträgt gerade nicht die schon sprichwörtliche Unentschlossenheit einer deutschen Kanzlerin. Das eben nicht so bedeutende Thema Finanzkrise oder ausgedrückt Bankenkrise hat sie in genialer Weise vorgeschoben und damit versucht sie auch zu Lasten unserer Umwelt ihren Hals zu retten. Hoffentlich nicht auch noch mit Hilfe dieses Magazins dessen Leser ich seit den ersten Stunden der Vorgänger bin.

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Dirk Liesemer
Autor: Dirk Liesemer
Datum: 19.01.2013
Kategorie: Menschen
Kommentare: 5

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