Chronischer Stress trotz besonders niedrigem Stresshormon-Spiegel

Wann ist das Pferd gestresst?

Reitpferde in Boxenhaltung leiden oft unter chronischem Stress. Doch wie lässt sich dieser erkennen? Bisher galt ein erhöhter Cortisol-Spiegel als sicheres Indiz. Doch jetzt enthüllt eine Studie, dass gerade Pferde mit sehr wenig Stresshormon im Blut besonders gestresst sein können.

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Der Spiegel von Stresshormonen ist kein verlässliches Zeichen für mangelndes Wohlbefinden von Pferden. (Foto: Martine Hausbergery)

Schon seit Tausenden von Jahren sind Pferde treue Begleiter des Menschen. Sie dienten unseren Vorfahren als Last- und Zugtiere, aber auch als Reittiere. Für viele Völker war das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Pferde daher sogar überlebenswichtig. Heute spielen Pferde als Transportmittel zwar kaum noch eine Rolle, dafür sind sie aber umso beliebtere Freizeitbegleiter.

Gerade in Reitställen jedoch werden die Huftiere oft wenig artgerecht gehalten. Statt in Herden auf großen Weiden zu grasen, werden Reitpferde oft das ganze Jahr hindurch in Einzelboxen gehalten. Den sozialen Herdentieren fehlt es dann nicht nur an Auslauf, sondern auch an Kontakte zu ihren Artgenossen. Die Folge: Viele Pferde leiden unter Stress und einige entwickeln sogar Verhaltensstörungen und Depressionen.

Woran erkenne ich Stress bei einem Pferd?

Doch woran lässt sich erkennen, ob ein Pferd dauerhaft gestresst ist und unter seiner Haltung leidet? Erfahrene Pferdehalter und Tierexperten erkennen dies oft schon an Details der Haltung und der Mimik der Tiere: Die Pferde wirken teilnahmslos, stehen oft mit dem Gesicht zur Wand in ihrer Box und die Falten um ihre Augen vertiefen sich. Auch Rückenprobleme und eine Blutarmut können auf chronischen Stress hindeuten.

Als noch eindeutigeres Indiz galt bisher ein erhöhter Spiegel des Stresshormons Cortisol bei den Pferden. Wie beim Menschen auch wird dieses Hormon im Körper immer dann ausgeschüttet, wenn ein Tier akut unter Stress steht. Dies trägt dazu bei, Energiereserven für Flucht oder Kampf freizusetzen – und ist daher sogar durchaus positiv und überlebenswichtig. Doch hält der Stress dauerhaft an, weil das Pferd sich beispielsweise langweilt und isoliert fühlt, bleibt auch der Pegel des Stresshormons hoch – so dachte man jedenfalls bisher. Deshalb galt die Cortisol-Konzentration im Blut als guter Marker auch für die chronische Stressbelastung.

Kaum Cortisol und trotzdem gestresst

Jetzt jedoch enthüllt eine französische Studie, dass die Annahme "viel Cortisol – viel Stress, wenig Cortisol – kein Stress" so nicht stimmt. Stattdessen kann ein besonders niedriger Gehalt des Stresshormons sogar auf besonders schweren chronischen Stress bei einem Pferd hindeuten. Entdeckt haben die Forscher dies bei der Untersuchung von 59 Pferden, die in drei Reitställen gehalten wurden. Alle Pferde lebten in Einzelboxen und wurden täglich von zumeist unerfahrenen Reitern geritten – beides purer Stress für die Tiere.

Es zeigte sich: Viele der Reitpferde, die schon in ihrem Verhalten deutliche Symptome von chronischem Stress und einer Depression zeigten, hatten sogar eher niedrigere Cortisol-Werte als ihre weniger gestresst wirkenden Artgenossen. Offenbar hat bei diesen Pferden der anhaltende Stress dafür gesorgt, dass ihr körpereigenes Alarmsystem nicht mehr richtig funktioniert und dadurch trotz Stress gar kein Stresshormon mehr ausgeschüttet wird, wie die Forscher erklären.

Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht dies dafür, dass die Cortisol-Werte allein keineswegs ein verlässlicher Indikator dafür sind, ob ein Pferd unter Stress leidet oder nicht. In vielen Fällen sollte ein abnormal niedriger Wert der Stresshormone sogar erst recht Besorgnis auslösen. Wann bei Pferden dieser Kipppunkt erreicht ist und unter welchen Bedingungen dies auftritt, wollen sie nun genauer untersuchen.


Quelle: CNRS

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Informationen zum Artikel

Nadja Podbregar
Datum: 12.09.2017
Kategorien: Menschen / Natur
Kommentare: 0
Schlagworte: Pferde / Tierwohl

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