Zukunft Leben: Interview mit hessischem Klimaexperten

"Wenn wir so weiter leben wie bisher, könnte es ab 2050 ungemütlich werden"

Das Klimasystem besitzt keinen Notausschalter, sagt Helmut Wolf vom Fachzentrum Klimawandel Hessen. Der Experte spricht über falsche Zweifel an wissenschaftlichen Voraussagen, erinnert an die große Hitzewelle von 2003 und warnt vor der Gefahr, dass wir schon bald die Klimaveränderungen als natürlich wahrnehmen könnten.

Fotolia_42273514_XS_250.jpgnatur: Jetzt ist die Sonne da, die in der ersten Jahreshälfte 2013 fehlte. Dafür gab es Extreme: lange ungewöhnliche Kälte, starker Regen mit Überschwemmungen und dazwischen Hitzetage. Was ist los mit dem Wetter? Und wie passt das alles mit dem Klimawandel zusammen?
Helmut Wolf: Wetter und Klima sind vollkommen unterschiedliche Dinge, die häufig durcheinander geworfen werden. Eine Definition ist, dass Klima die Statistik des Wetters ist. Wenn wir zum Beispiel die Mitteltemperatur des Monats März messen und diesen Vorgang sehr häufig, also über zwanzig, dreißig Jahre lang wiederholen, dann können wir sagen: Diese Mitteltemperatur ist das typische März-Klima. Die Phänomene, die wir im Augenblick erleben, würde ich eher dem Wetter zurechnen. Das Wetter meinte es in diesem Frühjahr nicht besonders gut mit uns. Es gibt die Hypothese, dass die verminderte Eisbedeckung in der Arktis eine Ursache dafür sein könnte. Dadurch haben sich möglicherweise großräumige Strömungssysteme umgestellt. Und so kann es eben dazu kommen, dass wir - wie im Frühjahr geschehen in Finnland oder Schweden höhere oder mindestens gleich hohe Temperaturen haben wie in Spanien.

Welche Klimaveränderungen der letzten zehn Jahre sind denn für uns Menschen auch tatsächlich fühlbar?
Das Fühlen ist problematisch. Dazu gibt es sogar Untersuchungen, zum Beispiel vom Sozialpsychologen Harald Welzer, der die Problematik der "Shifting Baselines" (zu Deutsch etwa: beweglicher Orientierungsrahmen) beschrieben hat. Das bezeichnet eine Eigenschaft des Menschen, sich an veränderte Rahmenbedingungen zu gewöhnen. Man gewöhnt sich an wärmere Sommer, genauso wie an das Gegenteil. Deswegen ist das subjektive Empfinden immer problematisch. Besser ist es, sich in dieser Hinsicht auf objektive Messungen zu verlassen, was allerdings den Menschen nicht so viel sagt. Deswegen kann es sein, dass in bestimmten Regionen, wo der Klimawandel einmal Pause macht, dann Zweifel am Klimawandel selbst aufkommen. Was aber völlig unsinnig ist. Der Klimawandel ist wissenschaftlich erwiesen.

Wie kann man Menschen denn trotzdem klarmachen, dass es sie persönlich betrifft?
Das ist ein schwieriges Problem, mit dem wir uns im Fachzentrum Klimawandel Hessen schon häufig beschäftigt haben. Uns ist aufgefallen, dass solche Themen in der Presse häufig Hochs und Tiefs erleben. Ein besonderes Hoch war im Jahr 2007, zu der Zeit, als der vierte Sachstandsbericht des sogenannten Weltklimarates IPCC herauskam. Dieser ist in der Presse auf sehr große Resonanz gestoßen. Aber ich denke eigentlich, dass so ein Thema dauernd in der öffentlichen Wahrnehmung gehalten werden muss. Deshalb haben wir uns bei unserer Arbeit auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels konzentriert. Dieses Thema lässt sich einfacher vermitteln.

Gibt es daraus schon Erkenntnisse?
Es gab unter anderem das Beispiel des Hitzesommers 2003. Wobei man den in stärkerer Erinnerung hat als den Sommer 2010, der in Europa wesentlich extremer war, allerdings eher die östlichen Teile betroffen hat. 2003 hingegen lag das Hoch so, dass wir besonders betroffen waren. Insgesamt gab es damals in Europa zwischen 30.000 und 60.000 Todesopfer, die dieser Hitzewelle zugeschrieben wurden. Die Angaben schwanken sehr, weil man dabei auf statistische Auswertungen angewiesen ist. Aber dennoch: Wenn man diese Zahlen ernst nimmt, müsste man die damalige Hitzewelle als größte Umweltkatastrophe in Europa seit den Zeiten der Pest bezeichnen.

Ein starke Botschaft!
Ja, aber selbst solche Dinge werden von unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern kaum noch wahrgenommen. Und vor allem nicht lange in Erinnerung behalten. Ein anderes Beispiel sind Zugbahnen von Tiefdruckgebieten. Besonders die so genannte 5B-Zugbahn, bei der sich das Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer noch gut mit Wasserdampf auffüllen kann, führt dann zu ergiebigen Niederschlägen. Das war bei der Elbe-Flut 2002 der Fall. Das diesjährige Hochwasser in Sachsen, Thüringen, Bayern und den östlichen angrenzenden Ländern ist hingegen auf ein großräumiges Tiefdruckgebiet zurückzuführen.

Was sagen die aktuellen Klima-Prognosen für Deutschland?
In den regionalen Klimamodell-Projektionen zeigt sich, dass keines dieser Modelle stetige Erwärmungen vorhersagt; alle weisen Phasen mit stärkerer und schwächerer Erwärmung auf. Die jetzige Situation der Abschwächung des Temperaturtrends passt somit ziemlich gut zu den Modellprojektionen. Man kann auch gar nicht erwarten, dass der Temperaturanstieg stetig und kontinuierlich vorangeht. Es kann durchaus auch mal Durchhänger geben, also Zeiten, in denen sich andere Komponenten wie die Meere stärker erwärmen. Allerdings ist es so, dass diese Klimamodelle davon ausgehen, dass es ab 2050 einen sehr starken Anstieg der Temperaturen geben wird. Dies ist insofern unsicher, weil es auf Annahmen beruht, wie sich die Menschheit verhält. Das heißt also, wenn wir weiterhin so leben wie derzeit und ebenso viele Schadstoffe in die Luft ablassen, dann könnte es ab 2050, vielleicht schon früher, ungemütlich werden.

Geben Sie Tipps, wie jeder Einzelne dem Klimawandel entgegenwirken kann?
Das Klimasystem ist sehr träge. Die Temperatur, die wir heute fühlen, beruht auf unserem Verhalten vor vielleicht 30 Jahren. Ich bezeichne das immer gerne so, dass das Klimasystem keinen Notausschalter besitzt. Wenn wir also erst dann anfangen zu reagieren, wenn es uns zu ungemütlich wird, schreitet der Klimawandel dennoch für mindestens 30 weitere Jahre ungebremst voran. Die einzige Möglichkeit, die wir haben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, besteht in der drastischen Reduktion von Treibhausgasen wie dem Kohlendioxid. Einsparen kann man durch gute Gebäudedämmung, den Kauf energieeffizienter Geräte und Alternativen zum motorisierten Verkehr. An den Klimawandel, der nicht mehr vermeidbar ist, kann man sich nur versuchen, anzupassen.

Was würden Sie persönlich denn sagen: Schafft es die Menschheit noch, nachhaltiger zu leben?
Man sollte die Hoffnung ja nie aufgeben und an die Vernunft der Menschheit glauben. Auf der anderen Seite gibt es den Ausspruch: „Es gibt nichts deprimierenderes, als einen alten Optimisten. Ausgenommen einen jungen Pessimisten." Da ich schon ein gewisses Alter erreicht habe, kann ich mir durchaus erlauben, etwas pessimistisch zu sein. Ich halte es für sehr schwierig, weil das Beharrungsvermögen der Menschen doch erheblich ist und man dazu neigt, an seinen Gewohnheiten festzuhalten. Irrtümer gibt man eben nicht gerne zu.

Interview: Anne Schüßler und Laura Engels


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Zum Gesprächspartner
Dr. Helmut Wolf ist Mitarbeiter im "Fachzentrum Klimawandel Hessen" in Wiesbaden. Es gehört zum Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie.

 

 

Foto oben: Fotolia © Gina Sanders - Fotolia.com
Foto links: privat

 

 

Zukunft Leben: Interview-Serie der Hochschule Darmstadt.
Genau 300 Jahre, nachdem der Begriff der Nachhaltigkeit in der sächsischen Fortwirtschaft erfunden wurde, sind nachhaltige Themen in aller Munde: Ob Energiewende, Klimapolitik, Agrarreform, E-Autos oder urbanes Gärtnern – überall grünt es. Wie vielschichtig die Diskussion geworden ist, macht die neue Interview-Reihe auf natur.de deutlich. Unter der Überschrift „Zukunft Leben" haben 23 Journalismus-Studierende der Hochschule Darmstadt führenden Experten zu unterschiedlichsten grünen Fragen interviewt – sachlich, kritisch und mit dem Blick nach vorn. Sie haben auch selbst gefragt, wie sich grüner leben lässt und ließe. Über ihre Versuche, Utopien und Fragen bloggen sie unter „Zukunft Leben".

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Informationen zum Artikel

Autor: natur Autor
Datum: 23.07.2013
Kategorie: Umwelt
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