Buchtipp

Wettlauf gegen die Sanduhr

Schoina liegt im arktischen Norden Russlands. Zu Deutsch bedeutet der Name "Verfluchter Ort". Das hat seinen Grund: Der Weiler versinkt im Treibsand. Der Fotograf Dmitri Leltschuk hat den Kampf gegen den Sand dokumentiert.

Schoina_Dmitri LeltschukDie nördlichste Wüste der Welt liegt auf dem 67. Breitengrad, nördlich des Polarkreises. Darüber ist man sich in Russland einig. Denn dort, wo gewöhnlich Schneestürme interessante Gebilde auf endlos weiße Landschaften malen, sorgen heute zornige Windböen für kunstvoll verwehte Sanddünen. Schoina, ein Dorf auf der russischen Kanin-Halbinsel erleidet ein paradoxes Schicksal: Der Weiler versinkt im Sommer im Sand. Im Winter legen sich Schneeflocken auf die feinen Körner.Die beiden Fotografen Dominique de Rivaz und Dmitri Leltschuk reisten mehrmals in den arktischen Norden Russlands. Besonders berührt hat sie das Drama des kleinen Dorfs Schoina, das nun vom Fluch der Begierde eingeholt wird.

1929 hatte das Sowjetische Zentralkommitee beschlossen, das Nomadenvolk der Nenzen dort sesshaft zu machen. Eine unüberlegte Aktion: Das Dorf, auf Treibsand erbaut, ist ein verfluchter Ort - das bedeutet Schoina in der Sprache der Nenzen. Doch das Weiße Meer lockte mit reicher Beute. Vor der Küste Schoinas wimmelte es von Fischen; Kabeljau, Heilbutt oder Beluga gab es reichlich. Rund 4000 Menschen lebten noch vor wenigen Jahren hier, in der baumlosen Tundra, in der die Sowjets an der Küste des Weißen Meeres einen der größten Häfen aus dem Sandboden stampften.

Heute verharren auf diesem "Rand der Welt" noch knapp 250 Menschen. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, fegen sie tagein, tagaus die Sandhäufchen aus ihren einfachen Holzhäusern. Oder sie räumen mit einem Bulldozer die Düne beiseite, die sich erneut gegen die Außenwand ihrer Stube presst.

Der Alltag der Sandmenschen

Mit distanziertem Blick erzählen die Bilder der beiden Fotografen vom Alltag der Sandmenschen. Da sieht man einen Mann, der sich sichtlich abmüht, sein Kind in einem Wägelchen vor sich herzuschieben. Frauen backen in einem Schuppen Kastenbrote, denn die alte Bäckerei ist längst unter Sand begraben. Zwei Kinder sitzen hoch oben auf einem Karakat, einem robustem Dreirad, das mit seinen Ballonreifen über die Dünen rollt wie über asphaltierte Straßen.

Es sind Momentaufnahmen, die gelegentlich den Charme des Maroden tragen. Doch die Stärke der Fotografien liegt in ihrem dokumentarischen Charakter. Sie wirken wie Zeugnisse einer Katastrophe, die bewegende Geschichten hervorbringt. Nur in den monumentalen Aufnahmen vom zurückgelassenen Schrott der Fischerei-Industrie - alte, verrostete Schiffskähne, Tanks und Fässer, die verschüttet am Strand lagern, blitzt das ökologische Desaster von Schoina sichtbar auf.

Man kann es auch in den informativen und stimmungsvoll geschriebenen Begleittexten nachlesen: Der Sand kommt aus dem Meer. Schon in den 50er Jahren war es gnadenlos überfischt. Schleppnetze rissen die Pflanzendecke am Meeresboden auf. Auf dem Festland führten die Nutztiere der Kolchose die Zerstörung des feinen Moos- und Grasteppichs fort: Nun findet der Treibsand keinen Halt mehr. Der Wettlauf gegen die Sanduhr
ist verloren.

Tania Greiner

Fotos: Dmitri Leltschuk; PR

Sandmenschen_Schoina

 

Dominique de Rivaz, Dmitri Leltschuk:

Die Sandmenschen von Schoina

Till Schaap Edition

224 Seiten, 29,- €

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Informationen zum Artikel

Tania Greiner
Autor: Tania Greiner
Datum: 22.04.2014
Kommentare: 0
Schlagworte: Bücher / Russland / Sand

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