Konflikt-Folgen bedrohen die Sicherheit von Nuklearanlagen

Wie sicher sind Atomkraftwerke in Krisengebieten?

Unterschätzte Gefahr: Atomkraftwerke in Konflikt- und Krisengebieten sind ein größeres Sicherheitsrisiko als angenommen, wie eine Studie des Öko-Instituts zeigt. Nicht nur gezielte Angriffe, sondern auch zerstörte Infrastruktur und Kontrollsysteme gefährden die Sicherheit der Nuklearanlagen.

Atomkraftwerk

Atomkraftwerke können zu einer ernormen Gefahr werden und erfordern besondere Kontrolle und Sicherheitsmaßnahmen. Schon bei uns in Mitteleuropa hapert es daran jedoch. Wie aber sieht es im Irak, in Syrien oder Afghanistan aus? Oder in der Ukraine? In diesen von Krisen und Konflikten geprägten Ländern gibt es nur noch eine begrenzte staatliche Kontrolle und teilweise herrscht sogar Krieg.

"Um Kernenergie nutzen zu können, bedarf es einer umfangreichen institutionellen und materiellen Sicherheitsinfrastruktur", erklärt Veronika Ustohalova vom Öko-Institut. "Zwischen- oder innerstaatliche Konflikte können diese Infrastruktur absichtlich oder unabsichtlich zerstören, was im schlimmsten Fall zu einer atomaren Katastrophe führen kann." Wie gefährdet sind kerntechnische Anlagen in solchen Krisengebieten? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Diesen Fragen ist nun das Öko-Institut in einer von der Stiftung Zukunftserbe geförderten Studie nachgegangen.

Gefahr nicht nur durch direkte Angriffe

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass das Sicherheitsrisiko bei Atomanlagen in Krisengebieten deutlich höher ist als allgemein angenommen. Denn nicht nur gezielte Angriffe oder Sabotage, sondern auch die Folgen von instabilen Verhältnissen in Politik und Wirtschaft – verbunden mit der Schwächung oder gar Auflösung der staatlichen Strukturen – können die Sicherheit von Kernreaktoren in Krisengebieten stark gefährden.

"Ein krisengeschütteltes Land hat so viele Probleme zu bewältigen, dass relevante Sicherheitsmaßnahmen und vorausschauende Handlungsabläufe im Umgang mit Kernenergie nicht immer gewährleistet sein können", sagt Ustohalova. Unter Chaos und Konflikten leiden beispielsweise notwendige Kontrollabläufe durch zuständige Behörden und die wissenschaftliche Betreuung der kerntechnischen Infrastruktur. Auch die Ausbildung und Bezahlung von Fachpersonal kann in Krisensituationen erheblich gestört sein.

Eine weitere Gefahrenquelle ist die Unterbrechung der Lieferkette von Verschleiß- und Ersatzteilen. Das sei insbesondere ein Problem, wenn sich der Hersteller und die Zulieferer im Ausland befinden, womöglich in einem Land, das zur Konfliktpartei geworden ist, erklären die Forscher. Die Lagerung des hochradioaktiven Atommülls und die Verwendung radioaktiver Materialien stellen ein weiteres, großes Gefahrenpotential dar und bieten eine Angriffsfläche für militante oder terroristische Gruppen.

Kontrollverlust in der Ukraine?

Das Gefahrenpotenzial zeige sich am Beispiel der Ukraine, warnen die Experten des Öko-Instituts. "Die Ukraine hat sich innerhalb weniger Jahre aus einer relativ stabilen Lage in ein abhängiges Krisengebiet innerhalb von Europa gewandelt", beschreibt Ustohalova die Situation. "Dabei ist die ukrainische Energieversorgung aufgrund ihrer zentralen Bedeutung bereits mehrmals Ziel militärischer Angriffe gewesen."

So wurden in einem Sabotageakt im November 2015 mehrere Strommasten auf der Halbinsel Krim gesprengt und damit 1,9 Millionen Bewohner teilweise oder vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Betrieb des Kernreaktors Saporoschschje - einem der größten Atomkraftwerke Europas - wurde durch diesen Sabotageakt so stark beeinträchtigt, dass die staatliche Betreiberfirma Ukrenergo die Situation als hochgefährlich einstufte.

Selbst massive finanzielle Unterstützung aus dem Ausland hilft dabei nur wenig: "Regierungskrise, Armut und Korruption erschweren deutlich die Umsetzung jeglicher unterstützenden Maßnahmen", so Ustohalova. "In dieser Situation haben weder die Regierung noch die zuständigen Behörden die erforderliche vollständige Kontrolle über das radioaktive Material."

Risiken unterschätzt und ignoriert?

Generell erachten es die Experten des Öko-Instituts als bemerkenswert, dass über das Gefährdungspotential von nukleartechnischen Anlagen in instabilen Regionen bisher vergleichsweise wenig öffentlich diskutiert und berichtet wird. "Das Risiko, das von einer gestörten kerntechnischen Infrastruktur ausgeht, wird häufig ignoriert", sagt Matthias Englert. "Auch scheint davon ausgegangen zu werden, dass es – ähnlich wie beim Einsatz von Nuklearwaffen – eine Art Tabu zu geben scheint, keinen absichtlichen Angriff auf Kernreaktoren durchzuführen."

Nach Ansicht der Forscher zeigt ihre Studie, wie fragil die kerntechnische Infrastruktur unter Krisenbedingungen werden kann. "In einer politisch-militärischen Krisensituation, zusammen
mit einer schlechten wirtschaftlichen Lage und erst recht unter Bedingungen eines bewaffneten Konfliktes kann es zu einer schleichenden massiven Erosion des gesamten Netzwerkes nuklearer Sicherheit kommen und damit zu einer entsprechenden Erhöhung des Risikos eines schwerwiegenden Unfalls", so ihr Fazit.

Quelle: Öko-Institut e. V. - Institut für angewandte Ökologie, Studie zum Download  (PDF)

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Informationen zum Artikel

Nadja Podbregar
Datum: 21.04.2017
Kategorie: Umwelt
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