Spitzbergen-Blog

natur-Leserreise: Der Bohrer von Bottrop

Zwei weitere Tage im Packeis. Gemeinsam mit dem Klimaforscher Dirk Notz haben die natur-Leser und unser Redakteur Peter Laufmann Eiskerne genommen und untersucht. Außerdem sind sie auf Meer mit der Konsistenz von Vanillepudding gestoßen. Und endlich auch auf die Könige des Packeises: die Polarbären.

Eisbohrung-1.JPGDie Arktis ist ein sprödes Paradies. Man muss sich ganz auf sie einlassen, mit der Kälte, der Unwirtlichkeit, ihren ganzen Extremen mitgehen. Und wenn man das eine Weile gemacht hat, offenbahrt sie einem ihre schöne Seite.

Heute also wieder ins Packeis. Wir passierten wieder Eisberge, die es von Grönland hierher verschlagen hat. Einer trieb nur ein paar Schiffslängen von Backbord träge an der Quest vorbei. Unser Polarforscher überschlug kurz die Maße und schätzte, dass dieser Brocken gut eine Million Tonnen mächtig war – jeder Mensch auf dieser Erde könnte ein Glas Wasser trinken, wenn man diesen Eisberg zum Schmelzen bringen würde.

Allen hier ist bewusst, dass die Arktis ein Paradies mit Schwindsucht ist. Der Naturfotograf Norbert Rosing bewies eindrucksvoll mit seinen Bildern aus Jahrzehnten in der Arktis, wie traurig dieser Verlust wäre. Seine Polarfüchse, Belugas, Moschusochsen und natürlich die Eisbären zeigen, wieviel Leben sich hier oben tummelt.

Im Gegensatz zu gestern sind die Platten nun  massiger, fast könnte ein sportlicher und mutiger Polarforscher von Scholle zu Scholle hüpfen. Ideal, um hier unsere Eismessungen vorzunehmen, denn unser persönlicher Polarforscher Dirk Notz hat Ausrüstung mitgebracht, um den Eisplatten Daten zu entlocken. Bislang gibt es nicht viele Informationen darüber, wie sich die Physik des Eises im Sommer verhält. Wir wollen mithelfen, diese Lücke zu füllen, damit die Klimamodelle noch besser werden.

Eisbohrung-2.JPGDazu wurden wir in mehreren Gruppen auf einer schnuckeligen Scholle abgesetzt, so schätzungsweise 50 mal 30 Meter groß. Zunächst galt es mit dem Eisbohren ein zehn Zentimeter weites Loch ins Eis zu bohren. Der Bohrkern wurde dann aud dem Loch gezogen und in bestimmten Abständen angebohrt, um die Temperatur in den verschiedenen Tiefen zu ermitteln. Anschließend zersägten wir die Eisstange in handliche Stücke, um sie schmelzen zu lassen und dann den Salzgehalt messen. Hört sich einfach an, ist aber tatsächlich Knochenarbeit, denn der Bohrer brauchte einige Bestimmheit, damit er ins und durchs Eis geht. Obendrein war unsere Scholle - erfreulicherweise - mehr als 1,70 Meter dick, nämlich drei Meter. Wer bohrte, konnte sich zumindest nicht über Kälte beschweren.

Abseits des Bohrlochs und den notierenden und messenden Hilfswissenschaftlern ist Zeit gewesen, an den Rand der Scholle zu treten und aufs Eis zu schauen. Hervorgetan hat sich besonders unsere Bohrmannschaft aus dem Rheinland.

Später hat Giovanni, einer der Matrosen an Bord einen Bären entdeckt. In voller Fahrt, ungefähr eine Ewigkeit weit weg. Unglaublich. Zwanzig Minuten hat es gedauert, bis wir anderen auf der Brücke den Bären auch gesehen hatten.

Ein Männchen, aber nicht sehr kooperativ. Und so haben wir ihn bald wieder in Ruhe gelassen. Dennoch: Spannend ist jede Begegnung mit Eisbären.

 

Packendes Eis

Eis-Text.JPGUnser dritter Tag im Packeis. Es war kalt heute früh, minus 3°C. Auch das Meerwasser hat mittlerweile die richtige Temperatur erreicht, so dass sich wieder frisches Meereis bilder kann. Und so sahen wir verschiedene Stadien der Eisbildung. Obendrein wirkte das Wasser seltsam viskos. Als ob es Gelee wäre oder Schlamm. Immer wieder stießen wir auf Eisberge. Und manchmal auf Sattelrobben oder Elfenbeinmöwen, die sich annähernd das ganze Jahr hier oben herumtreiben, wo selbst der Frost friert.

Auch auf der Quest zeigte sich das Eis; an der Reling waren über Nacht feine Nadeln aus Eis gewachsen und piecksten in den arktischen Himmel.

Auf der Brücke war natürlich der Eisbärausguck besetzt; immer zwei von den Guides suchten jeweils für zwei Stunden die Eiskante, das Packeis und auch das offene Meer nach spannenden Tieren und vor allem nach Eisbären ab.

Das ist gar nicht so einfach, denn der Eisbär ist zwar groß, aber das Eis ist größer. Eine Nadel im heuhaufen zu finden, ist mit Sicherheit einfacher.

Eisbaer-Text.JPG

Es geht nicht darum, den Bären konkret zu suchen; man scannt mit dem Fernglas oder Spektiv  die Landschaft und hofft, im richtigen Augenblick einen butterfarbenen Bären zu erhaschen. Dann muss man sich nur noch merken, hinter welcher Scholle er lag oder spaziert – sonst ist er wieder weg.

Heute nach dem Mittagessen gab es dann den ersten. Dann kurz Luft holen und schon tauchten am Horizont eine Mutter mit ihrem Kind auf. Sie waren sehr viel neugieriger und kamen bis auf wenige Meter an die Quest heran. Und schließlich am späten Nachmittag fanden wir noch einen Bären, der seinen Verdauungsschlaf auf einer Scholle hielt. Die Spuren seines Festmahls waren nicht zu übersehen.

Bilder: Peter Laufmann

Ein Leserkommentar zu diesem Artikel:
von sabine / 15. Juni 2017 / 11.25 Uhr

tolle Fotos, toller Artikel

Gravatar ThumbnailVielen Dank für euren tollen Bericht

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Informationen zum Artikel

Peter Laufmann
Datum: 10.09.2013
Kategorien: Blogs / Leserreisen / Natur
Kommentare: 1
Schlagworte: Spitzbergen / Leserreise / Blog / Gletscher / Eisbär / Klimawandel

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