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Mörderisches Uran

In Zeiten des Klimawandels wird uns Kernkraft zunehmend als saubere Energieform verkauft. Kein Wort davon, wie viel Leid das Ausgangsmaterial für den Brennstoff für die indigenen Völker bedeutet, die dafür mit ihrem Land und ihrem Leben bezahle

Ende der 90er Jahre flog eine ungewöhnliche Reisegruppe aus dem hohen Norden Kanadas nach Japan. Es waren indianische Frauen vom Stamm der Dene auf dem Weg nach Hiroshima und Nagasaki. Ihre Männer hatten jahrzehntelang in der Uranmine an der Echo Bay am Great Bear Lake gearbeitet, die meisten von ihnen starben später an Krebs. Dennoch waren sie auch - unbewusst - daran beteiligt gewesen, großes Leid über die beiden japanischen Städte zu bringen: Sie hatten als Minenarbeiter geholfen, das Erz zu fördern, aus dem das Uran für die ersten Atombomben stammte. Und gemäß den Prinzipien ihrer indianischen Kultur, nach denen Versöhnung und Heilung nur möglich sind, wenn verhängnisvolle Irrwege wieder zu einem Kreis geschlossen werden, unternahmen nun die Frauen die weite Reise, um die Überlebenden des nuklearen Angriffs um Vergebung zu bitten - obwohl ihre Männer selbst Opfer der tödlichen Strahlung geworden waren.

Heute wird Uran weniger für Bomben gewonnen als für die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie. Gerade in Zeiten akuter Klimaproblematik preist die Atomindustrie ihre Energie als umweltfreundliche Alternative: Lars Josefsson, Präsident der Vattenfall Group, lobte kürzlich die "hervorragende Umweltbilanz" der Kernenergie. Zu kurz gedacht: Während die 440 scheinbar sauberen Reaktoren weltweit vor allem Energie für Industrie und urbane Zentren liefern, findet der Abbau meist in dünn besiedelten Gegenden statt, in denen Minderheiten leben, deren Rechte mit Füßen getreten werden. Denn Uranabbau ist ein schmutziges Geschäft und die Kraftwerke verlangen ununterbrochen Nachschub an Brennstoff: "Yellow Cake", gelber Kuchen, heißt das Stoffgemisch, das vor allem aus Uranoxiden besteht, und aus dem die Brennelemente für die Kraftwerke hergestellt werden. Wo genau kommt der gelbe Kuchen her?

Saskatchewan, Kanada. Die Dene können davon erzählen. Die meisten Männer am Great Bear Lake arbeiteten ohne jeden Schutz in den Minen. Mit Hacke und Schaufel bauten sie das Gestein ab, von Hand schoben sie die Loren mit dem Erz, in Segeltuchsäcken trugen sie es auf den Schultern - und starben an Krebs.
"Villages of Widows", Witwendörfer, heißen viele Gemeinden bei den Einheimischen. Hier, im subarktischen Norden der Provinz Saskatchewan, begegnen sich die traditionellen Jagdgründe der Cree und der Dene.

Jagd ist in dieser von Flüssen und Seen durchsetzten Waldlandschaft, die nach Norden hin zu Tundra wird, nach wie vor Bestandteil der indigenen Kultur. "Our land is our life", sagen die Jäger - unser Land ist unser Leben. Sie sehen sich als Teil des Ökosystems; sie sagen "ernten", wenn sie fischen oder Elche und Karibus jagen, sie folgen dem Wild über weite Strecken und sind wochenlang unterwegs. Weite Strecken legen aber auch die radioaktiven Isotope zurück, die beim Abbau des Urans frei werden und sich über die Wasserwege Hunderte von Kilometern in die Wildnis verteilen. Die Verseuchung der Gewässer macht die Jagdgründe zur Gefahrenzone. Jahrzehntelang waren die Jäger ahnungslos; sie trugen Gewehre mit sich, keine Geigerzähler. Erst seit einigen Jahren realisieren sie das Ausmaß der Gefährdung. Doch Staatsdokumente enthüllten jüngst, dass die Verantwortlichen schon 1931 wussten, wie riskant der Umgang mit Uran ist.

Kanada ist nach wie vor der führende Uranproduzent der Welt. Uranabbau verbraucht Land, seine Auswirkung beschränkt sich nicht auf die Minen. Bei der Aufbereitung wird das Uran aus dem zermahlenen Gestein gelöst; die Trennung erfolgt mit dem Einsatz von Schwefel- oder anderen Säuren. Bei einem Urangehalt von einem Prozent (manche Minen haben sogar nur 0,1 Prozent oder weniger) verbleiben 99 Prozent des abgebauten Gesteins vor Ort, in riesigen Halden oder großen Becken.

Wehe, wenn es losgelassen Solange das Uran in der Erde bleibt, ist es relativ ungefährlich. Die Gefahren beginnen beim Abbau. Uran ist ein radioaktives Schwermetall. Es kommt in der Erdkruste natürlicherweise in verschiedenen Isotopen vor (d.h. Formen des Elements mit unterschiedlichem Atomgewicht), von denen das Isotop Uran-238 das mit Abstand häufigste ist. Es zerfällt in eine Reihe von Elementen, die wiederum radioaktiv und ebenfalls Metalle sind, mit Ausnahme des Gases Radon-222. Die radioaktive Strahlung tritt in verschiedener Form auf, unter anderem als Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung. Solange das Erz in der Erde bleibt, spielt die Strahlung praktisch keine Rolle, denn Alpha- und Betastrahler werden bereits von dünnen Schichten Erdboden abgeschirmt, Gammastrahler von einigen Metern. Das ändert sich jedoch, sobald das Erz extrahiert wird. Durch Sprengung, Abbau, Transport, Mahlen, Aufbereitung und schließlich die Lagerung des Abraums gelangen das Uran und seine Zerfallsprodukte an die Oberfläche und in die Atemluft, ins Grundwasser und die Oberflächengewässer und reichern sich in Sedimenten an. Die einzelnen Zerfallsprodukte wirken stark unterschiedlich. So ist etwa das Radon-222 besonders schädlich, wenn es eingeatmet wird; Blei-210 und Polonium-210 dagegen eher, wenn sie mit der Nahrung aufgenommen werden. Zu den typischen Folgen radioaktiver Strahlung gehören Lungenkrebs und andere Krebsarten sowie Schäden am Erbgut. Uran-238 ist praktisch unendlich aktiv: Seine Halbwertszeit entspricht dem Alter der Erde. Eine zusätzliche Gefährdung geht von den im ursprünglichen Erz (und folglich auch im Abraum) zuweilen in hoher Konzentration enthaltenen Schwermetallen aus sowie von den Säuren, die zur Aufbereitung des Erzes verwendet werden.


Dieser Abraum, die "tailings", enthält nicht nur giftige Schwermetalle, sondern weiterhin auch radioaktives Material, das nicht extrahiert werden konnte und nun durch Wind und Regen in der Umgebung verteilt wird. Eine besondere Gefahr stellen die flüssigen Abraumschlämme dar, weil es immer wieder zu Dammbrüchen kommt. 1964 rauschte nach einem Rohrbruch bei der Wismut tagelang radioaktiver Schlamm durch das sächsische Dorf Oberrothenbach. 1979 in Churchrock im US-Bundesstaat New Mexico flossen 370000 Liter verseuchtes Wasser und 1000 Tonnen Sedimente ins Umland; 1994 versickerten bei Olympic Dam in Australien ganze fünf Millionen Liter radioaktiver Brühe im Boden. Im Umfeld einer solchen Mine zu leben ist lebensgefährlich. Doch die, die hier leben, haben keine Wahl.

Colorado-Plateau, USA. Nicht viel anders als den Dene geht es den sprachlich mit ihnen verwandten Diné, die auch als Navajo bekannt sind. Sie sind auf dem Colorado-Plateau zu Hause, einem wüstenähnlichen Hochland im Südwesten des nordamerikanischen Kontinents. Die Diné leben als Schafzüchter, die Pueblo-Völker in ihrer Nachbarschaft sind Maisfarmer. Für sie alle sind seit der Entdeckung des Urans nahe der Kleinstadt Grants in den 40er Jahren die Erfahrungen nicht anders als in der Subarktis: ungeschützte Schwerstarbeit in den Minen, verseuchtes Trinkwasser, verseuchte Erde, strahlendes Vieh, strahlende Ernten.

Phil Harrison kennt alle betroffenen Familien. Er hat das "Komitee für die Opfer der Uranstrahlung" gegründet; er sorgt dafür, dass die Wiedergutmachungen aus Washington, die in zähen Gerichtsverfahren erkämpft wurden, auch zu den Betroffenen gelangen. Sein Büro ist in Shiprock, nahe den "Four Corners", jener Stelle, an der die vier Staaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aneinandergrenzen. Seine Arbeit geht ihm "unter die Haut"; er hat sofort Tränen in seinen Augen, wenn er über die Opfer spricht. Seit Jahren sieht er sich Kranken gegenüber, die von Leukämie, Haut- und Lungenkrebs gezeichnet sind; in vielen Familien wurden geistig Behinderte geboren. In allen Wohnungen stehen die Fotos der Verstorbenen und erinnern an die ahnungslose Zeit, als alle den Uran-Boom willkommen hießen. Doch seither heißt das Uranoxid in der Sprache der
Diné "Leetso" - das gelbe Monster.

Auf dem Stammesgebiet der Diné ist Leetso vorerst gebannt. Im April 2005 erließ die Regierung der Diné-Nation ein Gesetz, das den Abbau von Uranerz und die Herstellung von Yellow Cake verbietet - freilich reicht das Gesetz der Diné nur bis an ihre Reservatsgrenzen, die Minen dahinter verseuchen das Land weiter ungehindert. Der Schritt von Diné-Präsident Joe Shirley Jr. wurde von vielen Stämmen als Orientierung gesehen; ein Nein zu erneutem Uranabbau war vor allem von den Lakota zu vernehmen, deren uranhaltige Heimat in den Bundesstaaten Wyoming, South Dakota und Nebraska gefährdet ist.

Doch die Uranindustrie hört nicht auf, die indianischen Stammesregierungen zu umwerben. Seit die Atomkraft als Klimaretter propagiert wird, gilt derjenige, der gegen den Uranabbau kämpft, auch noch als Zerstörer des Weltklimas. "Die Nuklearindustrie scheut keine Lügen", sagt Manuel Pino, Professor für Soziologe in Scottsdale, Arizona. Der athletische Mann stammt aus dem Acoma Pueblo, in dessen Nähe die größte Uranmine der USA lag; sie wird inzwischen renaturiert. Pino ist ein Läufer, in seiner Kultur ist Laufen nicht nur Sport, sondern auch Meditation. Doch Laufen kann tödlich sein, wenn alpha-strahlende Partikel sich in den Atemwegen festsetzen. Alphastrahlen sind zwar kurz und schwach, doch in der Lunge sind sie eine Dauerbelastung. "Es gibt kaum eine Familie, die nicht Strahlentote zu beklagen hat", resümiert Pino, der seit den 80er Jahren Öffentlichkeit schafft für die Opfer. Dazu gehört auch die Aufklärung über international operierende Energiekonzerne. Einer von ihnen ist die französische Areva. Ihre Spur führt uns nach Afrika.

Arlit, Niger. Das Territorium der Tuareg erstreckt sich von der algerischen Sahara aus nach Süden. Französische Atomtests haben den Lebensraum der Nomaden schon vor Jahrzehnten verseucht. Als dann in der Wüste von Niger Uran entdeckt wurde, ließ die Areva-Vorgängerin Cogema eine Stadt bauen: Arlit. Wie viele Boomstädte hatte Arlit anfangs eine Betriebsamkeit, die ein Hauch von Metropolenflair umgab; die Verseuchung war kein Thema.

Heute erlebt der Besucher das wahre Gesicht Arlits: eine wuchernde, 90000 Einwohner zählende Bergbausiedlung, die je nach Windrichtung von radioaktivem Staub überzogen wird und in der Areva sämtliche Bereiche kontrolliert. Das Krankenhaus gehört dem Konzern und ist nur für Bergleute zugänglich. Wie die französische Menschenrechtsorganisation "Association Sherpa" herausfand, diagnostizieren die Ärzte bei Krebskranken fast durchweg AIDS; ist der Lungenkrebs gar nicht mehr zu leugnen, wird Rauchen als Ursache angegeben, um nur ja keine Verbindung zum Uranbergbau herzustellen. Nur Haut- und Gehörschäden werden als berufsbedingte Krankheiten anerkannt.

2003 reiste der französische Nuklearwissenschaftler Bruno Chareyron vom Strahlenforschungslabor CRIIRAD mit einem Team in den Niger, um die radioaktive Belastung zu messen, der die Bevölkerung ausgesetzt ist. Über die Ergebnisse berichtete Chareyron 2007 auf einem Kongress in Stockholm: Fast alle Unterkünfte in den Slums ließen den Geigerzähler laut werden, beim Trinkwasser maßen die Aktivisten Belastungen bis zum 110-fachen des von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgesetzten Grenzwerts.

Das Team fand heraus, dass die Firma jahrelang verstrahltes Altmetall abgegeben hatte, das dann auf den Märkten angeboten und für den Bau von Hütten verwendet wurde. Ein Rohr, das offensichtlich aus der Erzaufbereitungsanlage stammte, wies eine Belastung von 200000 Becquerel pro Kilogramm auf. Einige der Befragten erzählten, dass sie strahlenden Schrott als Bonus erhalten hatten; manche hatten aus dem verseuchten Metall sogar Kochtöpfe gefertigt. Über die gesundheitlichen Gefahren waren die Arbeiter nie informiert worden. In einer Hütte fand das Team ein Stück radioaktives Erz, das der Bewohner als Souvenir aufbe-wahrte; die gemessene Dosisleistung betrug ein Millisievert pro Stunde. "Wenn der Mann sich nur wenige Minuten am Tag in einem Meter Entfernung zu dem Brocken aufhält, hat er die erlaubte Strahlendosis bereits weit überschritten," erläutert Chareyron.

Für die Tuareg ist keine Entwarnung in Sicht. Denn die Republik Niger, eines der ärmsten Länder der Welt, ist fatalerweise vom Uran abhängig: Der Export macht 30 Prozent des Staatshaushalts aus. Erst im März besuchte Frankreichs Präsident Sarkozy, dessen Staat 85 Prozent von Areva besitzt, mit der Areva-Vorstandsvorsitzenden Anne Lauvergeon in alter Kolonialmanier den Niger, um eine verstärkte Uranförderung zu beschließen: Die neue Mine Imouraren soll eine Jahresproduktion von 5000 Tonnen Yellow Cake für Frankreichs 58 Reaktoren garantieren. Damit wäre sie die zweitgrößte Uranmine der Welt.

Außerdem hat Niger nicht weniger als 140 Schürfrecht-Titel an andere internationale Firmen vergeben - für die Tuareg ein Todesurteil: Die kargen Wasserressourcen werden für den Bergbau verwendet und gleichzeitig kontaminiert. Kein Wunder, dass die Wut gärt. 2007 kam es sogar zu einem bewaffneten Aufstand gegen ein Explorationscamp, der brutal niedergeschlagen wurde. Amnesty International und Human Rights Watch erheben massive Vorwürfe gegen die Regierung und die Armee im Niger. Sie berichten von willkürlichen Verhaftungen, Folter, Vertreibung und sogar Erschießungen. Die Umweltorganisationen "Pro Natura" und "Erklärung von Bern" kürten Areva anlässlich des Davoser Weltwirtschaftsforums 2008 zu einem der zwei "unverantwortlichsten Konzerne des Jahres".

Ein weltumspannendes Geschäft
Die Nachfrage nach Uran übersteigt das Angebot: Die Konzerne tüfteln auch an neuen Verfahren.
Die Uranindustrie wittert Morgenluft. Weltweit sind rund 440 Atomkraftwerke in Betrieb, etwa 25 im Bau und mehrere Dutzend geplant. Die Atommeiler verbrauchen bislang rund 65000 Tonnen Uran im Jahr, wovon der Abbau aus Minen rund zwei Drittel liefert - der Rest stammt vor allem aus der Wiederaufbereitung oder aus der Verschrottung von Atomraketen. Unter der Annahme, dass bei insgesamt steigendem Verbrauch der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung konstant bleibt, schätzt die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, dass die Nachfrage das Angebot auf viele Jahre hinaus übersteigen wird. Die drei größten Uranproduzenten Cameco (u.a. mit den Minen McArthur River und Rabbit Lake), Rio Tinto (u.a. Ranger, Rössing) und Areva (u.a. Arlit, Akouta) liefern allein die Hälfte der Weltproduktion. Dabei gehen die internationalen Konzerne mit den Regierungen nicht selten unheilige Allianzen ein: Besonders in wenig demokratischen Ländern ist der Uranabbau stets mit strikter Geheimhaltung und politischer und militärischer Repression verbunden, wie etwa in Niger. Der neueste Mitspieler unter den Uranexporteuren ist Malawi: Das afrikanische Land hat dem australischen Konzern Paladin für mindestens 15 Jahre die Abbaurechte für die Lagerstätte Kayelekera im Norden des Landes erteilt. Der Tagebau liegt im Einzugsbereich eines Flusses, der in den Malawisee mündet, einen der - noch - saubersten Seen der Region. Entsprechend stark waren die Bedenken der Anwohner. Die größte Gefahr droht meist von den riesigen Abraumhalden und -seen, von denen Schwermetalle, Säuren und radioaktives Material in die Umwelt gelangen. Neben dem Tagebau und dem Abbau unter Tage hat in den letzten Jahren vor allem die "In-situ-Laugung" Bedeutung erlangt. Dabei wird ein unterirdischer Erzkörper quasi ausgespült: Durch Bohrungen am Rand wird Lösungsflüssigkeit eingebracht, durch zentrale Bohrungen die uranhaltige Lösung abgesaugt und das Uran gewonnen. Obwohl diese Methode weniger umweltschädlich ist, droht auch hier oftmals eine Kontamination des Grundwassers.


Northern Territory, Australien. Der fünfte Kontinent hat kein einziges Atomkraftwerk. Trotzdem ist er auf weite Strecken verstrahlt. Zum einen, weil die Briten in der Mara-lingawüste, in Emu und auf den Monte-Bello-Inseln über Jahrzehnte ihre Testbomben zündeten; zum anderen, weil hier riesige Uranlager ruhen - beziehungsweise nicht mehr ruhen, denn seit einem halben Jahrhundert ist Uran einer der Hauptexportartikel Australiens.

Die gestörte Ruhe des Urans war für die Ureinwohner der Beginn des Unheils. Denn tief in der Erde wohnt nach ihrer Überlieferung die Regenbogenschlange. Sie verkörpert die Erzadern: Wer die Schlange stört, entfesselt verheerende Kräfte. Alle Bodenschätze haben in der Kosmologie der Aborigines eine Tiergestalt. "Die Bodenschätze sind Organe des Planeten", sagt Rebecca Wingfield-Bear, eine Aktivistin vom Stamm der Kokatha Mula; "verletzte Organe lassen die Erde krank werden. Alle Konturen des Landes stammen aus der Traumzeit und sind heilig; sie geben den Lebewesen Raum und Identität.

In den Northern Territories streckt sich Besuchern eine Hand mit gespreizten Fingern entgegen. Bei Demonstrationen in der Stadt Darwin und auf dem Weg zum Kakadu-Nationalpark auch. Ebenso auf Fahnen, auf Ansteckern, Autoaufklebern und Postern. Die Hand sagt: Nein zum Uranabbau in Jabiluka. Die Hand gehört Yvonne Margarula vom Stamm der Mirra. Jabiluka gehört zum Kakadu-Nationalpark - der wiederum ist so wertvoll, dass er teilweise zum Welt-Naturerbe zählt. Hier ist das angestammte Land von Yvonne Margarulas Klan. Margarula, so will es die Tradition, ist mit verantwortlich für die Unversehrtheit des Landes; sie konnte, gestärkt durch weltweiten Widerstand und die Hilfe der UNESCO, den geplanten Abbau von Jabiluka verhindern. Doch ein Stück weiter südlich, ebenfalls innerhalb der Grenzen des Nationalparks, schreitet die Zerstörung fort.

Denn hier reißt seit einem Vierteljahrhundert die Staatsfirma Energy Resources of Australia (ERA) die Landschaft auf. Ranger Mine heißt der Tagebau, den ERA gemeinsam mit dem Branchenriesen Rio Tinto betreibt; es ist die zweitgrößte Uranmine der Welt, sie liefert alleine mehr als zehn Prozent der Weltproduktion. Mindestens bis 2021 soll Ranger noch in Betrieb sein. Kürzlich verkündete Rio Tinto, dass man künftig die Erzaufbereitung zusätzlich per Haldenlaugung vornehmen will, also aus dem bereits abgelagerten Abraum mit massivem Einsatz von Säuren noch einmal Uran extrahieren möchte. Das bedeutet mehr Wasserverbrauch, mehr giftige Schlämme. Ohnehin sind die Dämme, die den flüssigen Abraum zurückhalten sollen, nicht dicht: Seit 1981 wurden an die 150 Dammrisse und Überschwemmungen verzeichnet. Nach offiziellen Angaben sickern derzeit täglich rund 100000 Liter kontaminiertes Wasser aus der Mine ins Umland. Der Industrieminister des Bundesstaates, Kon Vatskalis, zeigt sich "besorgt"; die Mine sei aber unter "enger wissenschaftlicher Überwachung".

Der Margarula-Klan besuchte sogar in Paris die UNESCO-Zentrale mit dem Vorschlag, die Uranmine dem Weltkulturerbe einzuverleiben und damit zum Schließen zu zwingen. Umsonst. "Sie stehlen unsere Zukunft", sagt Yvonne Margarula und hat damit nicht nur den Uranbergbau im Visier. Auf dem traditionellen Land der Arrernte und Luritja will die Regierung des Bundesstaates Northern Territory bis 2011 auch noch ein Lager für Strahlenmüll aus Frankreich und England anlegen - "in the middle of nowhere" (im Niemandsland), wie Australiens damaliger Wissenschaftsminister Brendan Nelson die Entscheidung rechtfertigte. Der (inzwischen abgewählte) Minister steht mit seiner Ignoranz nicht alleine. Als ein deutsches Filmteam kürzlich in Australien über die Hintergründe des Uranabbaus recherchierte und eine Passantin in Melbourne fragte, was sie über Uran wisse, kam die Gegenfrage: "Uran - ist das ein Land?" Der unfreiwillig tragikomische Ausspruch gab dem Film den Titel: "Uranium - is it a country?"

Was also tun? "Ihr könnt uns helfen, indem ihr umschaltet", sagte Manuel Pino kürzlich auf einer Tagung der deutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) in Bonn. "Mit einem Ja zum Ökostrom könnt ihr bei uns indigenen Völkern Menschenopfer verhindern!"

Claus Biegert ist Gründer des "Nuclear-Free Future Award"

Weitere Informationen zum Thema:

Nuclear Free Future Award
www.nuclear-free.com

Dokumentarfilm "Uranium - is it a Country?"
nukingtheclimate.com

Strahlenforschungsinstitut CRIIRAD (Bruno Chareyron)
www.criirad.org

World Nuclear Association (Uranindustrie)
www.world-nuclear.org

E.ON Kernkraft
www.eon-kernkraft.com


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Quelle:
natur+kosmos, Redaktion
 |  15.05.2009
 






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