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natur+kosmos
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Synästhesie
Das Feuerwerk der Sinne
Für manche Menschen sind Töne und Buchstaben wie Farbkleckse, und Minze schmeckt nach kühlen Glassäulen. Ein Reiz spricht bei ihnen mehrere Sinne gleichzeitig an. Forscher wollen enträtseln, wie es dazu kommt.
Wenn Christine Söffing eine ihrer Musik-CDs auflegt, geschehen seltsame Dinge. Vor ihr öffnet sich ein dreidimensionaler Raum mit einer Ebene. Darauf stehen bunte geometrische Formen wie Kegel, Pyramiden oder Quader. Kugeln und Spiralen hüpfen durch die Gegend. Sphären pumpen sich wie Seifenblasen auf, um dann zu zerplatzen. Abstrakte Skulpturen wachsen in die Höhe und zeichnen sich immer schärfer ab. Eine kunterbunte Welt aus Formen und Farben. "In einem Konzert mache ich oft die Augen zu, weil ich die Musik dann besser sehen kann." Andere Menschen schließen die Augen, um sich auf das Hören zu konzentrieren. Sie dagegen verstärkt und genießt ihr visuelles Erlebnis. Ein Erlebnis, das allein ihr vorbehalten ist. Denn niemand anders kann die bizarren Landschaften sehen.
Christine Söffing ist Synästhetikerin. Es ist keine blühende Phantasie, mit der sie sich Bilder zu Musik und Geräuschen ausmalt. Menschen wie sie nehmen ihre Umgebung anders wahr. Ihr Gehirn verbindet verschiedene Sinne miteinander, zum Beispiel Hören und Sehen. Das ist nicht immer angenehm. "Wenn ich morgens zur Arbeit komme, muss ich durch ein knietiefes Meer von zackigen roten Linien auf dem Boden waten", sagt die 36-Jährige. Schuld ist das hohe Fiepen der Computer an ihrer Arbeitsstelle, der Volkshochschule Augsburg, wo sie den Fachbereich Musik und Kunst leitet. Die Linien sind für Christine Söffing genau so real und lästig wie der grelle Ton. In solch doppelt leidigen Situationen macht sie die Augen nicht zu, sondern huscht schnell durch zu ihrem Büro.
Die Kombination von Hören und Sehen ist unter Synästhetikern am häufigsten. Vielen erscheinen zudem Farben, wenn sie Ziffern oder Buchstaben lesen, oder sie assoziieren die Wochentage unzertrennlich mit einer bestimmten räumlichen oder farblichen Struktur. Aber auch Geruch, Geschmack und Tastsinn können involviert sein. Da schmeckt ein Chili con carne zu kugelförmig und braucht noch ein paar würzige Spitzen und Kanten. Oder Zigarettenqualm kratzt unangenehm rau auf der Haut. Das geschieht völlig unwillkürlich - und zwar nicht nur sporadisch, sondern jedes Mal, wenn der entsprechende Sinn markante Impulse empfängt. Bei wenigen aktiviert ein Reiz sogar alle Sinne auf einmal. In solchen Fällen gleicht ein reich instrumentiertes Konzert einem Feuerwerk im Kopf, und in der Disco wummert nicht nur der Bass durch den ganzen Körper. Im Extremfall brechen Synästhetiker unter der Vielzahl und Intensität der Reize zusammen. So viel auf einmal kann das Gehirn nicht verarbeiten...
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Jan Berndorff
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Quelle: | natur+kosmos, Redaktion | | 28.12.2001 |
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