Der Weltzukunftsrat
Eindrucksvolle Stimmen für die Erde von Morgen.
Ein großes Kontorhaus am Hamburger Zollkanal - im Rücken die Hamburger City, die Kirche St. Katharinen zur Seite, gegenüber die alte Speicherstadt. Von der sechsten Etage dieses hellen und lichten Hauses aus ist eine neue Stimme in der globalen politischen Arena zu hören - eine Stimme, die sich auf unsere gemeinsamen menschlichen Werte stützt, um für die Rechte zukünftiger Generationen einzutreten und sicherzustellen, dass die Menschheit jetzt im Sinne einer nachhaltigen Zukunft handelt. Die erste von gut zwei Dutzend Aufgaben füllt die Schreibtische und die Flipcharts. Hier soll nicht gekleckert werden, sondern geklotzt, denn schon das erste Vorhaben ist eine Herkulesaufgabe: weg mit den fossilen, her mit den regenerativen Brennstoffen. Das ganz und gar unbescheidene Ziel lautet: Schluss mit dem Klimachaos!
Was lange eher wie ein Luftschloss erschien, ist seit einem halben Jahr Wirklichkeit: der Weltzukunftsrat. Konzipiert ist er als eine Art zivilgesellschaftliche UNO, wobei eine bunte Mischung aus Aktivisten, Politikern und Sponsoren die ideellen und materiellen Fundamente gemauert haben.
Im Mai 2007 waren sie aus aller Welt nach Hamburg gereist: Kritiker des industriellen Wachstums, Verfechter einer ausgewogeneren Form der Globalisierung, Visionäre einer gerechten ökologischen Zukunft. Mit fünf Millionen Euro finanziert und gefördert von der CDU-regierten Stadt Hamburg und der Otto-Gruppe, mit Erwartungen und guten Wünschen überhäuft von Printmedien wie der konservativen "Bild"-Zeitung oder der liberalen "Zeit". Und alles, weil Jakob von Uexküll, der bereits den Alternativen Nobelpreis ins Leben gerufen hat, die Idee hatte, der Zukunft eine Stimme zu geben: "Wir brauchen heute, wo unsere Beschlüsse immer weit reichendere Auswirkungen haben, eine Organisation, die die Zukunft vertritt."
Der Weltzukunftsrat soll als ethische Instanz jene Generationen im Blick haben, die nach uns kommen. Er soll als Mahner auf einem Planeten auftreten, der sich gegenwärtig so aufheizt, dass selbst die "Bild"-Zeitung in übergroßen Lettern vor Monaten titelte: "Die Erde stirbt!"
Der ehemalige Weltbank-Ökonom Nicolas Stern zeigte im vergangenen Jahr, dass die Reaktion auf den Klimawandel "das größte Marktversagen ist, was je passiert ist". "Die Klimakatastrophe ist auch das größte Politikversagen, was man sich denken kann", betont Jakob von Uexküll. "Die Menschen haben ja nicht demokratisch in einer Volksabstimmung für das Klimachaos gestimmt."
"Wir treiben mit solcher Intensität Entwicklungen voran, dass die selbstheilenden Prozesse der Natur oft nicht mehr funktionieren", mahnt der Münchner Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, Träger des Alternativen Nobelpreises und Mitglied im Weltzukunftsrat. "Wir müssen uns deshalb mehr um die langfristigen Prozesse kümmern, weil die Natur uns das nicht abnimmt."
Fast scheint es, als sei die Gründung des Rates auf einen besonderen Moment der Geschichte getroffen, wo manches zusammenkommt: Die Unzufriedenheit mit den kurzfristigen Entscheidungen der Politik, die Sorge der Wirtschaft um die immensen Kosten einer Klimakatastrophe - und nicht zuletzt der fast vergessene Grundwert der Menschheit, nach dem den Kindern eine bessere, zumindest keine schlechtere Welt übergeben werden sollte.
Dabei ist die Idee einer vorausschauenden Institution nichts wirklich Neues in der Kulturgeschichte der Menschheit. Bei den Irokesen in Nordamerika gab es Älteste, die darauf achteten, welche Konsequenzen eine aktuelle Entscheidung für die nächsten sieben Generationen besaß. Und in den tamilischen Königreichen des vorkolonialen Indien besaß ein "Rat der Seher in die Zukunft" sogar ein Vetorecht.
Der aktuelle Weltzukunftsrat will jedoch nicht nur mahnend die Stimme erheben. Ihm geht es auch darum, vorhandene Lösungsansätze zu sammeln, zu bewerten und gezielt an 25000 Parlamentarier und 8000 kooperierende Organisationen zu vermitteln. Die moralische Autorität des Rates soll ihre Umsetzung fördern.
So hat Barcelona die besten Regeln zum solaren Häuserbau, Kolumbiens Metropole Bogotá die billigsten Lösungen für ökologische Verkehrsplanung. Und kaum einer weiß davon! Ziel der Weltzukunftsrates ist es, in allen Staaten der Welt die Regelwerke so zu verändern, dass sie den Herausforderungen der Gegenwart genügen. Beispielsweise hat der Rat vergangenes Jahr in Kenias Hauptstadt Nairobi noch vor seiner offiziellen Gründung Energiepolitikern das deutsche Einspeisegesetz für erneuerbare Energien vorgestellt. Es gilt weltweit als vorbildlich, dennoch kennen es viele noch nicht.
Die Arbeit des Weltzukunftsrats
Um den Erfolg des neuen Gremiums zu sichern, wird derzeit eine Arbeitsstruktur aufgebaut. Der Weltzukunftsrat besteht aus 50 Mitgliedern, die von einem sogenannten Gründungsrat berufen wurden. Die Mitglieder treffen sich einmal im Jahr im Mai zu einer Vollversammlung, zuletzt in Hamburg, im kommenden Jahr in London. Die Ratsmitglieder wiederum arbeiten in der Zwischenzeit in Arbeitsgruppen zu verschiedenen Zukunftsfragen. Gemeinsam mit dem fünfköpfigen Exekutivkomitee sind diese Teams entscheidungsfähig. Sieben Teams zu folgenden Themen gibt es bereits bzw. werden gerade gegründet:
- Klimaschutz. Ein Internetportal mit den weltweit wirkungsvollsten Klimaschutzgesetzen befindet sich bereits im Aufbau. Und während des Live-Earth-Konzerts in Hamburg wurde die Kampagne "Kidscall" gestartet. Dabei sind Kinder auf der ganzen Welt aufgerufen, den mächtigen Politikern der Welt zu schreiben. Der Weltzukunftsrat will die Stimmen weiterleiten und eine Ausstellung mit den Klimasorgen der Kinder organisieren, die in den Parlamenten aller G8-Staaten gezeigt wird.
- Städte. Ein zweites Team untersucht kommunale Entwicklungen, die sich auf der ganzen Welt bewährt haben. Sie sollen Vorbild für andere werden.
- Dong Tan. Nördlich von Schanghai entsteht in den nächsten Jahrzehnten eine 500000-Einwohner-Stadt. Leben und Wirtschaften soll so organisiert werden, dass keinerlei Abfall anfällt und die Energie CO2-neutral erzeugt wird. Der Weltzukunftsrat erarbeitet, wie sich das Projekt übertragen lässt.
- Meeresschutz. Überfischung und Klimawandel bedrohen den Reichtum der Ozeane. Welche Wege gibt es, die Vielfalt der Meere zu erhalten?
- Nachhaltige Landwirtschaft. Der Zukunftsrat will zeigen, welche Lebensmittel klimaschonend erzeugt werden und welche nicht.
- Wissenschaft und Spiritualität. Die Arbeitsgruppe steckt noch in den Kinderschuhen. Sie soll untersuchen, welche kulturellen Werte der Menschheit helfen, Probleme besser zu lösen.
- Verbrechen. Der Weltzukunftsrat arbeitet daran, Uranmunition, Streubomben und Landminen weltweit zu ächten. Atomwaffen seien die "größte unmittelbare Bedrohung der Menschheit". | |
In Kürze will der Rat das Montreal-Abkommen von 1987 - es führte zum schnellen Verbot von FCKW-Gasen -, als Ansatz zur CO2-Reduktion vermitteln. Um die Verantwortlichen zu erreichen, arbeitet der Rat mit den Initiatoren des sogenannten E-Parlaments zusammen, das per Internet und E-Mail alle 25000 demokratisch gewählten Parlamentarier dieser Welt vernetzt.
Von Uexküll vergleicht die Aufgabe, unsere Wachstumsgesellschaft zu reformieren, mit dem moralischen Impuls, der nötig war, die Sklaverei abzuschaffen. Al Gore, Sympathisant des Zukunftsrates, vergleicht die Dimension heutiger Herausforderungen mit dem Kampf gegen den Faschismus im vergangenen Jahrhundert. In beiden Fällen waren es kulturelle Werte, die den Ausschlag zum Handeln gegeben haben.
Jene wert-normative Ebene ist es, die nun plötzlich Menschen ganz unterschiedlicher Überzeugung in dieser Initiative zusammenbringt. Bianca Jagger setzt sich dafür ein, dass die Armen der Welt, die abseits der weltweiten Geld- und Stoffströme stehen, nicht vergessen werden. Sie steht als Vorsitzende des Exekutivkomitees an der Spitze des Weltzukunftsrats. Der Unternehmer Michael Otto spendete 1,5 Millionen Euro. Und der an sich konservative Wert der "Bewahrung" macht es möglich, dass das CDU-regierte Hamburg unter Ole von Beust die Mittel locker machte, um den Rat in die Hansestadt zu holen.
Dabei stehen die politischen Auseinandersetzungen sicher noch aus. Denn das Exekutivkomitee des Weltzukunftsrates ist mit Menschen besetzt, die kein Blatt vor den Mund nehmen. "Unser Grundansatz lautet: Wir wollen kein Wachstum, das auf Zerstörung beruht", sagt die indische Bürgerrechtlerin Vandana Shiva. "In den Bereichen Arbeit, Lebensstile, Bodenschätze und Ressourcen müssen die Menschen vor Ort entscheiden können. Das ist eine Überlebensfrage der Menschheit."
Neben ihr sitzen der Pakistani Tariq Banuri, Direktor des Asienzentrums am Stockholmer Umweltinstitut, die ehemalige Heidelberger Oberbürgermeisterin Beate Weber, der amerikanische Wirtschaftsprofessor Stephen Marglin sowie Bianca Jagger als Vorsitzende. Sie fordert seit Jahren von Weltkonzernen ethische, ökologische und soziale Standards ein und leiht der gesamten Initiative ihr prominentes Gesicht.
Es sind enorme Herausforderungen, mit denen von Hamburg aus gerungen wird. Dabei will der Weltzukunftsrat Impulsgeber sein, um auf nationaler, regionaler und städtischer Ebene bis hinein in die Betriebe, Zukunftsräte einzurichten.
"Die Frage ist, ob wir es schaffen, so etwas wie eine kritische Masse zu bekommen, damit wir einen Prozess anstoßen können und nicht wie viele andere Gremien als einzelne Rufer in der Wüste erscheinen", sagt
Gründungsmitglied Hans-Peter Dürr und fügt hinzu: "Aber mit der Vernetzung, die uns heute zur Verfügung steht, können wir das leisten."
Die Initiative in Hamburg ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels. Eines Wandels, wo ideologische Blöcke brüchig werden, sich ganz unterschiedliche Gruppierungen zusammenschließen und die Zivilgesellschaft die globale Ebene betritt. Vielleicht ist es schlicht die naive Lust an diesem Wandel, die den Akteuren den Mut dazu gab. "Wir hatten noch nie in der Geschichte der Menschheit eine derart globale Krise wie mit dem Klimawandel", sagt Jakob von Uexküll. "Wir stehen vor Problemen, die durch Menschen geschaffen und durch Menschen gelöst werden können - und die Lösungen sind da."
Geseko von Lüpke
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